"Wir haben eine mediendurchdrungene Lebensweise."

Bildungsberatung digital gestalten

Wie viele andere Bereiche der Gesellschaft durchläuft die Bildungsberatung eine digitale Transformation. Denn nicht erst seit Corona ist klar: Um alle Zielgruppen zu erreichen, genügen rein analoge Formate nicht mehr. Gerade in der Erwachsenenbildungsberatung hat sich in den vergangenen Jahren ein regelrechter Wandel vollzogen. Ob E-Mail-Beratung, Chatgespräch oder Videotelefonie, die Bandbreite neben der klassischen Face-to-Face-Beratung ist groß. Vor allem in ländlichen Regionen ist die Online-Beratung mittlerweile ein wichtiges Standbein geworden. Doch auch immer mehr Großstädte sind dabei, sich in diesem Feld zu professionalisieren. Dabei geht es nicht darum, die Beratung vor Ort zu ersetzen, sondern digitale Tools begleitend einzusetzen. Besonders für Menschen, die weniger mobil sind, aber auch für Personen, die z. B. im Nachgang zu analogen Treffen noch punktuelle Begleitung benötigen, stellen digitale Formen der Beratung eine wertvolle Ergänzung dar. Wir haben mit Barbara Oberwasserlechner zu diesen Entwicklungen gesprochen. Sie ist Projektleiterin der Online-Bildungsberatung Österreich und beteiligt an der landesweiten strategischen Entwicklung und Implementierung der Online-Bildungsberatung.

Frau Oberwasserlechner, aktuell bauen Sie mit einem Team die Online-Bildungsberatung für ganz Österreich aus. Warum ist es aus Ihrer Sicht gerade jetzt so wichtig, sich mit dem Ausbau der digitalen Bildungsberatung auseinanderzusetzen?Ich würde die Frage direkt zurückgeben: Wie könnten wir das nicht?
De facto ist es ja tatsächlich so, dass sich inzwischen Generationen bzw. Zielgruppen ausgeschlossen fühlen, wenn wir als Bildungsberatung keine digitalen Angebote bereitstellen. Je nachdem welcher Generation eine Nutzerin oder ein Nutzer angehört, ändert sich für sie, wie selbstverständlich neue Medien sind. Uns ist allen klar: Wir haben eine mediendurchdrungene Lebensweise. Das bedeutet, dass auch Beratung unterschiedliche Medien anbieten muss, wenn die Zielgruppen den Bedarf haben. Und die aktuellen Entwicklungen, die mit der Corona-Pandemie einhergehen, zeigen noch einmal mehr auf, wie wichtig digitale Beratungsformate werden können, wenn die Mobilität der Menschen eingeschränkt wird. In Österreich ist die Online-Bildungsberatung für die vielen ländlichen Regionen und eben dort, wo eine schnelle Erreichbarkeit nicht garantiert ist, besonders relevant. Aber wir haben in den vergangenen Jahren gesehen, wie gut das Angebot auch in größeren Städten wie Wien angenommen wurde. Wir erreichen so Zielgruppen, die wir sonst auch in einem städtischen Kontext, z.B. aus Mobilitätsgründen, nicht einfach erreicht hätten.

In vielen Ländern werden mittlerweile digitale Bildungsberatungsformate angeboten, doch nicht überall gibt es hierfür eine landesweite Strategie. Wie sind Sie hier in der Umsetzung vorgegangen?
Seit Jahren gibt es viele Institutionen, wie z. B. die Wiener Volkshochschulen, die bereits mit einzelnen digitalen Formaten gearbeitet haben. Doch 2013 war für uns in Österreich ein wichtiger Meilenstein: Auf Bundesebene wurde damals entschieden, einen Pilot in Richtung flächendeckendes Angebot der digitalen Bildungsberatung zu schaffen. Durch diese politische Entscheidung wurden neue Ressourcen für den Bereich bereitgestellt. In einem ersten Schritt ging es darum zu klären, wer mit der Umsetzung beauftragt wird. In Wien hatte die Volkshochschule bereits begonnen, die Online-Beratung zu koordinieren, deshalb hat sie den Projektauftrag bekommen. Die operative Umsetzung, also die Durchführung der Beratung selbst, bleibt bei den unterschiedlichen Institutionen. Natürlich gibt es für die Umsetzung viele Wege. Dänemark ist hier mit einer stärker zentralisierten Regierung zum Beispiel ganz anders vorgegangen. Wir in Österreich haben regional begonnen. Für uns war dies eine strategische Entscheidung, da wir so in einem etwas kleineren Rahmen beginnen konnten und der Kreis der Entscheidungsträgerinnen und -träger, die es einzubinden galt, so in einem überschaubareren Rahmen blieben. Der Ausbau der digitalen Bildungsberatung erfolgte schrittweise. Dabei war uns wichtig, möglichst früh die politischen Entscheiderinnen und Entscheider einzubinden. Als wir die Beratung von einem Bundesland auf drei ausweiteten, haben wir außerdem versucht, auch die weiteren Bundesländer miteinzubeziehen, denn bei der Online-Beratung definiert man durch die Konfiguration der Technik sehr viele Dinge vorab und wir wollten somit sicherstellen, dass die relevanten Akteure frühzeitig in die Mitgestaltung eingebunden wurden. Außerdem haben wir in Österreich aufgrund des Projektdesigns, in diesem Fall ein Netzwerkmodell, mit allen Projektleitungen zusammengearbeitet, die die Bildungsberatung in ihren eigenen Bundesländern steuern. Als es dann in einem nächsten Schritt darum ging, sich mit unterschiedlichen digitalen Beratungsformaten vertraut zu machen, haben wir uns an die Institutionen in der Region gewandt, die bereits Expertise in den einzelnen Formaten mitbringen. Wir haben zum Beispiel mit der Telefonseelsorge Kontakt aufgenommen, da sie als Organisation bereits langjährige Erfahrung in der Online-Beratung mitbringt. Auch in Deutschland ist sie hier Vorreiterin. Sich an Institutionen in der eigenen Region zu wenden, die bereits über digitale Expertise verfügen, kann ich an dieser Stelle nur empfehlen.

Barbara Oberwasserlechner

Wir haben eine mediendurchdrungene Lebensweise. Das bedeutet, dass auch Beratung unterschiedliche Medien anbieten muss, wenn die Zielgruppen den Bedarf haben.

Barbara Oberwasserlechner, Volkshochschule Wien

Welche Zielgruppen nehmen die Online-Beratung bei Ihnen vordergründig in Anspruch?
Unsere Zielgruppen sind vielfältig: Von jung bis alt gibt es unterschiedlichste Personen, die unsere digitalen Beratungsformate in Anspruch nehmen. Überrascht hat uns, dass es viele Personen mit Lehrabschluss sind. Weniger überraschend ist, dass viele Personen mit einem höheren Bildungsabschluss das Angebot nutzen. Welche Zielgruppen wir wie erreichen, ist zudem von den jeweiligen digitalen Formaten abhängig. So ist der Videochat z. B. besonders für zugewanderte Menschen, die sich mit der deutschen Sprache noch schwertun, von Vorteil, da hier Mimik und Gestik in die Kommunikation miteinbezogen werden können. Aber es gibt auch Personen, die es gezielt bevorzugen, sich ausschließlich über einen schriftlichen Chat zu verständigen. An der schriftlichen Variante schätzen einige Nutzerinnen und Nutzer, dass es helfen kann, die eigenen Gedanken vorab zu fokussieren, aber auch, dass man die Kommunikation im Nachgang noch einmal nachverfolgen kann und wichtige Hinweise so ohnehin in schriftlicher Form vorliegen. Und natürlich ist die digitale Bildungsberatung für all diejenigen, die in ihrer Mobilität eingeschränkt sind, eine Alternative.

Was wünschen Sie sich für die Entwicklung der digitalen Bildungsberatung in den kommenden Jahren?
Aus meiner Sicht bewegt sich die Bildungsberatung in Österreich, aber auch in Deutschland, in Richtung Blended-Counseling, also hybride Angebote der Beratung. Idealerweise gibt es hier in den kommenden Jahren eine noch engere Verzahnung zwischen digitalen und analogen Maßnahmen. Das heißt, dass ich mich als Nutzerin gar nicht vorab für ein bestimmtes Format entscheiden muss, sondern dass ich im Beratungsprozess auf unterschiedliche Formate zurückgreifen kann. Konkret könnte das so aussehen, dass wir z.B. analog durch Streetwork Kontakt zu Zielgruppen aufnehmen, sie dann aber im Verlauf, und je nach Bedarf, ergänzend durch digitale Beratungsformate begleiten. Das ist anspruchsvoll in der Umsetzung, aber es bietet auch ganz neue Möglichkeiten, auf die Bedarfe der Nutzerinnen und Nutzer einzugehen und diese durch den Orientierungs- bzw. Beratungsprozess hinweg zu begleiten. Damit dies gelingt, müssen die technischen Voraussetzungen gegeben sein. Es muss beispielsweise flächendeckend sichergestellt sein, dass die Beratungen im Digitalen in datengeschützten Räumen stattfinden. Nicht zuletzt ist es für die Ausweitung der digitalen Formate wichtig, dass sich die Beraterinnen und Berater bereits in ihrer Ausbildung mit den digitalen Tools vertraut machen. Denn hier geht es schließlich nicht nur darum, technische Tricks zu erlernen, sondern vor allem darum, wie eine zielgruppengerechte Beratung im digitalen Raum aussehen kann und welche Kompetenzen es hierfür jeweils braucht.Wie die Weiterentwicklung in diesen Bereichen verläuft, wird auch in den kommenden Jahren entscheidend davon abhängen, welche politische Gewichtung der digitale Ausbau bzw. die Blended-Counseling-Vorhaben erhalten werden. Hier in Österreich möchten wir diese Themen mit der nationalen Strategie der digitalen Bildungsberatung voranbringen. Dadurch vereinfachen wir hoffentlich nicht nur den Prozess in unseren eigenen Regionen, sondern bieten auch anderen Ländern, die ihre Bildungsberatung weiterentwickeln wollen, eine Orientierung.

Weitere Informationen

Bildungsberatung der Stadt Wien:
www.bildungsberatung-wien.at/

Online Bildungsberatung in Österreich:
www.bildungsberatung-online.at/startseite.html

Die Online Bildungsberatung wird gefördert vom Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Forschung und vom Europäischen Sozialfonds (Österreich).

Das Interview wurde für das Themendossier „Bildungsberatung gestalten: kommunal, transparent, partizipativ“ geführt. Hier können Sie das Themendossier als PDF herunterladen. Ein kostenloses Printexemplar des Themendossiers können Sie hier bestellen.