„Was ohne die Akteurinnen und Akteure des Bildungsverbunds erstellt wird, wird in der Praxis nicht bearbeitet“

Nancy Butzmann, Bezirksamt Neukölln von Berlin, Abteilung Bildung, Schule, Kultur und Sport, Bildungsbüro und Roman Riedt, Bezirksamt Neukölln, Abteilung Jugend und Gesundheit, Jugendamt

Die Neuköllner Bildungsverbünde sind seit Langem ein fester Bestandteil der Bildungslandschaft im Berliner Bezirk. Sie vernetzen Akteurinnen und Akteure rund um Kita, Schule und Jugend im Quartier. Die Verbünde und Netzwerke bündeln sich nun im neu gegründeten Bildungsbüro, das von Nancy Butzmann geleitet wird. Sie kooperiert ressortübergreifend, jedoch besonders eng mit Roman Riedt, der im Bereich Jugend für die Kooperation Schule, Jugendhilfe und Gesundheit zuständig ist. Im Interview erläutern die beiden, wie ihre koordinierenden Stellen funktionieren und wo und wann die Fäden zusammenlaufen. Außerdem werfen sie einen Blick in die Zukunft der Bildungslandschaft im Bezirk.

Im Rahmen der Bildungsverbünde arbeiten das Bildungsbüro und das Jugendamt nun stärker zusammen. Was war der konkrete Anlass hierfür?

Roman Riedt: Grundsätzlich gibt es immer Anlässe für ressortübergreifende Arbeit und Abstimmungen. Ich kann mir bei den Themen Bildungschancen und -gerechtigkeit keine Aktivität vorstellen, die ein Ressort gut und ausreichend für sich allein bewältigen könnte.
Konkret: Seit 2012 gibt es ein Konzept für den Bezirk, das die ressortübergreifende Zusammenarbeit von Schule und Jugendhilfe rahmt. Das war etwas eingeschlafen. Von Seiten des Jugendamts wurde 2017 die Initiative ergriffen, das Rahmenkonzept wiederzubeleben bzw. in weiten Teilen neu zu schreiben. Das Ansinnen stieß bei den Beteiligten auf große Zustimmung und wird auch von den zuständigen Stadträt:innen befördert. Ein nächster Schritt war die Erweiterung des Rahmenkonzept Schule – Jugendhilfe um den Bereich Gesundheit. Relativ schnell schlossen wir uns bei der Konzeptarbeit mit Frau Butzmann als Zuständige für die Bildungsverbünde zusammen. Seit Herbst 2017 gehen wir den Prozess der Fortschreibung und Umsetzung gemeinsam.

Nancy Butzmann: Zeitgleich gab es von meiner Seite aus im Bereich Bildungsverbünde ebenfalls das Bestreben, die Verbünde in die bezirklichen Strukturen einzubetten. 2016 wurde das Landesprogramm „Lokale Bildungsverbünde nachhaltig sichern und stärken“  von der Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie mit einer wichtigen Empfehlung aufgelegt: im Bezirk zu schauen, wo man an vorhandene Strukturen andocken kann. Da war die Rahmenkonzeption für die Kooperation von Schule und Jugendhilfe natürlich naheliegend als Anknüpfungspunkt. Und ich bin dann auch Mitglied in der Steuerungsrunde zur Umsetzung des Rahmenkonzepts geworden.

Roman Riedt: Das war ein sehr guter Zeitpunkt, gemeinsam zu starten. Mit dem Rahmenkonzept und den Aktivitäten des Bildungsbüros im Bereich Bildungsverbünde wurde eine bezirkliche Entwicklung angestoßen. Rahmenkonzepte dienen als Orientierung für den gesamten Bezirk, die müssen wir runterbrechen auf eine sozialräumliche Komponente. Ohne die kleinteiligere Sicht auf den Bedarf und auf die konkrete Umsetzung, kommen wir bei dem, was es vor Ort braucht, nicht weit. An dieser Stelle sind die Bildungsverbünde wichtige Gremien der Abstimmung. Deshalb wäre es fatal gewesen, wenn wir uns rund um das Rahmenkonzept etwas komplett Neues ausgedacht hätten. Wir haben die bestehenden Netzwerke und Bildungsverbünde in den Blick genommen, da wir auf keinen Fall Parallelstrukturen schaffen wollten.
 

Roman Riedt vom Bezirksamt Neukölln

Ich kann mir bei den Themen Bildungschancen und -gerechtigkeit keine Aktivität vorstellen, die ein Ressort gut und ausreichend für sich allein bewältigen könnte.

Roman Riedt, Bezirksamt Neukölln, Abteilung Jugend und Gesundheit, Jugendamt

Wie kann man sich Ihre Zusammenarbeit vorstellen?

Nancy Butzmann: Wir haben Steuerungs-, Strategie- und Arbeitsgruppen für die Umsetzung der Rahmenkonzeption. Der direkte Draht für das Thema Bildungsverbünde besteht in den zusätzlichen Fachrunden, die wir bisher nur anlassbezogen für die Verbünde durchführen – beispielsweise, wenn ein Bedarf aus dem Bezirk oder einem Bildungsverbund an uns herangetragen wird. Da nehmen das Jugendamt, das Quartiersmanagement, die Schulaufsicht und meist eine Vertretung aus dem jeweiligen Verbund teil. Es gibt jedoch manchmal auch aus den Verbünden sowie aus der Verwaltung heraus einen definierten Bedarf, wie beispielsweise eine Optimierung der Zusammenarbeit mit dem Bereich Jugend. Im Frühjahr 2020 haben Herr Riedt und ich dafür die Sozialraumkoordinationen aus dem Bezirk und die Koordinator:innen der Verbünde versammelt, um hier zu unterstützen und das Anliegen strategisch anzugehen. Ziel war es, die Zusammenarbeit mit den Jugendfreizeiteinrichtungen besser zu beschreiben und systematischer zu gestalten.

Roman Riedt: Die Netzwerke bzw. Bildungsverbünde in Neukölln haben für sich bedarfsgerecht und vor Ort einen Rhythmus der Zusammenkunft gefunden, in der sie ihre konkrete (Zusammen-)Arbeit abstimmen. Das ist intensiv und konkret, da sind wir nicht regelhaft mit dabei. Erarbeiten wir beispielsweise Instrumente im Bezirk zu Themen wie Schuldistanz, Stärkung präventiver Angebote zwischen Jugendarbeit und Schule, nehmen wir zunächst die bezirkliche Entwicklung in den Blick. Und dann geht es darum: Was bedeutet das konkret für bestimmte Sozialräume und was heißt das für die Bildungsverbünde? An dieser Stelle greift unsere koordinierende Aktivität: Frau Butzmann gibt dieses Thema an ihre Koordinator:innen und Ansprechpersonen. Ich und regionale Vertretungen des Jugendamts kommen in die Bildungsverbünde, bringen Informationen ein, diskutieren und erörtern das Anliegen. Daraus entstehen die weiteren Schritte für den Bildungsverbund und den Sozialraum. Andersherum geht es natürlich auch und die Themen und Erfahrungen der Verbünde sind für uns wichtige, gewinnbringende Hinweise um bezirkliche Entwicklungen anzustoßen.

Die Informationswege und der Kontakt sind etabliert. Gelingende Kooperation braucht Austausch, Dialog und Zusammenkunft, sprich den persönlichen Kontakt. Eine Erfahrung der vergangenen Monate: Das war und ist schwierig in der Pandemie, aber die etablierten Strukturen, die wir aufgebaut haben, sind stabil, sie tragen uns über diese Zeit.

Welche Bedarfe oder Anliegen lassen sich besser oder sogar effektiver lösen?

Roman Riedt: Wenn wir bestimmte Themen, Fragestellungen oder Wahrnehmungen, die die einzelnen Akteurinnen und Akteure haben, mit den Bildungsverbünde und Netzwerke gemeinsam diskutieren, dann gelingt es besser, die Bedarfslage zu erfassen und gemeinsam passende Aktivitäten und Maßnahmen zu planen. Im Ergebnis schaffen wir es, die besten Lösungen umzusetzen, weil sie mehrere Dimensionen wiedergeben. Ein Beispiel: Eine größere Gruppe von jungen Menschen fällt in einem Sozialraum durch abweichendes Verhalten, Schuldistanz und Mobbing auf. So etwas lässt sich weder alleine polizeilich noch durch Mittel der Jugendarbeit oder Schule klären. Um Zugänge zu diesen jungen Menschen und deren Familien zu eröffnen, um ihnen zielgerichtet abgestimmte Angebote der Unterstützung und Förderung anzubieten und ebenso ordnungsrechtliche Grenzen zu ziehen, müssen die Bereiche zusammengeführt werden.

Nancy Butzmann: Man hat zwar nie eine komplette Gesamtschau, doch man kann die Erfahrungen verschiedenster Akteurinnen und Akteure zusammentragen und ein viel besseres Bild des Ist-Standes erhalten, wenn es einen Austausch zwischen den Partner:innen gibt. Dadurch findet man schnell zumindest Ad-hoc-Lösungen vor Ort, die sich dann zu längerfristigen Maßnahmen etablieren können. Die Problemanzeige aller Partnerinnen und Partner geht sehr viel schneller. In den Bildungsverbünden wird immer wieder um gegenseitiges Verständnis und Lösungen gerungen – gerade aufgrund der unterschiedlichsten Interessen der verschiedenen Akteur:innen. Aber es ist lohnenswert und anders geht es eigentlich auch nicht, wenn ressortübergreifende Ansätze erforderlich sind. Es geht um die gegenseitige Unterstützung sowohl der Verwaltung als auch der lokalen Ebene vor Ort.

Nancy Butzmann, Bezirksamt Neukölln

Auf der lokalen Ebene braucht es in der Regel pragmatische Ansätze, die schnell Wirkungen entfalten.

Nancy Butzmann, Bezirksamt Neukölln von Berlin, Abteilung Bildung, Schule, Kultur und Sport, Bildungsbüro

Was konnten Sie bei der Zusammenarbeit voneinander lernen?

Nancy Butzmann: Ich habe mit den Jahren ein ganz anderes Verständnis vom Bereich Jugendhilfe und Jugendarbeit bekommen. Mir waren die Handlungslogiken nicht immer bewusst. Mir persönlich hat der Blick von Herrn Riedt sehr oft geholfen, der sehr konzeptionell unterwegs ist. Vor allem wenn es um die Ausrichtung der Bildungsverbünde ging. Das bedeutet, auf die langfristige Wirkung zu schauen. Die Jugendarbeit fokussiert sehr auf die direkte Wirkung am Kind und am Jugendlichen, die Bildungsverbünde tun das eher im weiteren Sinne. An dieser Stelle mussten wir erst mal zueinander finden.
Das bereits viel beschriebene Zusammenspiel zwischen den Ebenen ist ein absoluter Idealfall. Im Zuge der neuen Rahmenkonzeption haben wir das mühevoll alle miteinander aufgebaut. Dennoch muss man – wenn man es auf die lokale Ebene und in den Sozialraum trägt – auf alles vorbereitet sein. Wichtig ist hier die Beteiligung: Was ohne die Akteurinnen und Akteure des Bildungsverbunds erstellt wird, wird in der Praxis wenig von ihnen unterstützt. Auf der lokalen Ebene braucht es in der Regel pragmatische Ansätze, die schnell Wirkungen entfalten.  

Roman Riedt: Ich schaue sehr auf Strukturen und möchte Ergebnisse in der Fläche, im gesamten Bezirk erzielen. So habe ich beim Thema Schuldistanz zu Anfang gedacht: Wir etablieren eine tolle bereichsübergreifende Arbeitsgruppe, partizipativ mit Schulleitungen und Schulsozialarbeitern sowie Vertreter:innen beteiligter Ämter und regionale Schulaufsicht. Daraus entwickeln wir einen „Handlungsplan Schuldistanz“, der geht an alle beteiligten Fachkräfte und dann erfolgt die Umsetzung, natürlich 1:1. Es war sehr notwendig und hilfreich, dass Frau Butzmann einhakte und sagte: ‚Moment, wir müssen die Bildungsverbünde mitnehmen. Solch ein Vorhaben kann man nicht einfach in der Fläche ausgießen und erwarten, dass alle Beteiligten das genauso umsetzen. Wir haben besondere Herausforderungen und Voraussetzungen in den Regionen. Wir haben außerdem unterschiedliche Akteur:innen und die wollen mitgenommen und angesprochen werden. Wenn wir wollen, dass das, was wir erarbeitet haben, umgesetzt wird, müssen wir schrittweise vorgehen. Da musste ich erstmal innehalten. Diese andere Sichtweise und anderen Erfordernisse zu sehen, ist für mich sehr gewinnbringend.

Welche Themen würden Sie gerne noch bearbeiten?

Roman Riedt: Wir wissen alle, dass in den Schulen nicht nur Unterricht stattfindet, sondern viel mehr. Schulen sind Lern- und Lebensort. Die Neuköllner Schulen arbeiten auf vielfältige Weise mit Partner:innen zusammen und öffnen sich: Schulsozialarbeit ist am Ort, Angebote der Jugendarbeit und -verbände, besondere Maßnahmen, z.B. für schuldistanzierte Schüler:innen oder soziale Gruppenarbeit, die Volkshochschule und vieles mehr. Das sollten wir verstetigen und ausbauen. Dafür braucht es Mittel für personelle Ressourcen und insbesondere Räume. Da sind wir an einer Grenze. Salopp gesagt platzen die Schulen im Bezirk aus allen Nähten, unter anderem, weil solche Angebote im Grunde immer noch nicht als regelhaft an Schule verortet und bei der Schulentwicklungsplanung mitgedacht werden. Es braucht räumlich andere Schulen. Hier hangeln wir uns aktuell von einer Baustelle zur nächsten.
Ein weiteres Thema ist die datenbasierte bereichsübergreifende Abstimmung. Da stehen wir in Neukölln noch am Anfang. So haben wir am Thema Schuldistanz im Bezirk noch kein ausreichendes Monitoring etabliert, das uns über Zeitverläufe Entwicklungen aufzeigt und Orientierung gibt, welche Maßnahmen wie wirken. Um Projekte und Maßnahmen bedarfsgerecht zu planen, umzusetzen und die Zielerreichung zu überprüfen, braucht es ein datenbasiertes Monitoring.

Nancy Butzmann: Der Jugendbereich ist z.B. intensiv in der Demokratieförderung unterwegs und die Bildungsverbünde beschäftigen sich damit zum Teil ebenfalls. Aber auch gute Beispiele zu den Themen Elternarbeit und Gewaltprävention sind im Sozialraum vorhanden. In solchen Thematiken sind die Verbünde als starker Partner für bezirkliche Konzepte sehr gut einsetzbar, wenn man sie partizipieren lässt. Über das neu gegründete Bildungsbüro  sollen die lokalen Strukturen zudem künftig noch besser unterstützt werden.

Roman Riedt: Definitiv. Wir sind im Bezirk Neukölln aufgefordert demokratiepädagogische Angebote auszubauen und zu stärken. Das Thema müssten wir eigentlich bereichsübergreifend als bezirkliche Kampagne setzen. Und die Themen Abbau von Schuldistanz, Gewalt und Mobbing werden uns auch in den kommenden Jahren intensiv beschäftigen.

Wie stellen Sie sich die Zusammenarbeit in fünf Jahren vor?

Nancy Butzmann: Es braucht immer eine gemeinsame Ausrichtung. Und die Rahmenkonzeption zu aktualisieren und bedarfsgerecht anzupassen, ist eine große Herausforderung. Doch diese Verbindlichkeit muss weiterhin bleiben. Im Alltagsgeschäft helfen auch informelle Austausche weiter. Es geht nämlich nicht nur um die Bildungsverbünde, es geht künftig ebenso um das Bildungsbüro und Themen, die gesetzt sind, die aber noch nicht so richtig ins Rollen kommen. Informelle Brainstormings helfen zudem zu verstehen, dass manche Belange nicht immer innerhalb der Rahmenkonzeption unterzubringen sind. Das heißt konkret: Ein weiterer Kanal, Bildungsthemen breiter im Bezirk besprechen zu können, wäre sehr hilfreich – vor allem beim Thema Lebenslanges Lernen. Da setzt die Rahmenkonzeption aktuell noch gewisse Grenzen. Das hat sich auch im Austausch mit unseren Amtsleitungen gezeigt.

Roman Riedt: In fünf Jahren ist das Bedürfnis die bereichsübergreifende Zusammenarbeit auf Grundlage des erweiterten Bildungsbegriffes zu bearbeiten bei allen Beteiligten, so hoffe ich, noch stärker ausgeprägt. Für den Schulträger ist es dann selbstverständlich, dass Angebote der Schulsozialarbeit oder der Jugendarbeit am Ort Schule stattfinden. Schulen öffnen sich auf dieser Grundlage noch stärker für andere Professionen und Lernangebote. Die in Teilen der Jugendhilfe bestehende Schuldistanz und überzogene Schulkritik ist dann überwunden.
In fünf Jahren sollten die unterstützenden Strukturen weiter ausgebaut sein. Dazu gehört unter anderem ein Bildungsbüro. Ich könnte mir gut vorstellen, dass es in fünf Jahren sieben bis neun mehr Mitarbeitende hat. Bisher wird die Koordination und Steuerung der Zusammenarbeit zu oft auf den Schultern der Schulleitungen, der Jugendhilfeeinrichtungen oder der Schulsozialarbeiter:innen abgelegt. Wir sagen: Vernetzt euch, kooperiert, tauscht euch aus! Aber Ressourcen und eine Unterstützungsstruktur stellen wir bisher nicht ausreichend zur Verfügung.