Qualität im Ganztag durch Qualität in Verwaltung

Dokumentation des Großstadtnetzwerks

Art:

Ort:
Online-
Veranstaltung
via Microsoft Teams
Datum: 
Donnerstag, 14. September 2023 - 9:00 bis 13:00

Der Rechtsanspruch auf Ganztag für Grundschulkinder ab 2026 stellt Kommunen vor vielfältige Herausforderungen. Dabei müssen Kommunen in erster Linie den gesetzlichen Ansprüchen quantitativ entsprechen und ausreichend Plätze schaffen. Gleichzeitig soll der Ganztag mit möglichst hoher Qualität umgesetzt werden, um das Potential des Ganztags zu nutzen. Um das zu erreichen, müssen Kommunen und Länder sowie alle Akteur:innen des Ganztags ein gemeinsames Verständnis von Qualität erarbeiten und klare Ziele definieren. Das datenbasierte kommunale Bildungsmanagement (DKBM) kann dabei helfen, Qualitätskonzepte für den Ganztag für Grundschulkinder auf Grundlage einer validen Datengrundlage und mittels geeigneter Planungs- und Steuerungsmodelle zu entwickeln.

Diese hohen, aber wichtigen Ansprüche werfen viele Fragen auf:  

  • Anhand welcher Kriterien lässt sich ein guter Ganztag beschreiben und welche Standards sollen in der Kommune gelten?   
  • Wie lassen sich Prozesse beschreiben, die zu geteilten Standards führen?   
  • Welche kommunalen Steuerungsmöglichkeiten gibt es und wie können Elemente des DKBM hier gezielt unterstützen? 

Das digitale Großstadtnetzwerk „Qualität im Ganztag durch Qualität in Verwaltung – Kommunale Steuerungsmöglichkeiten für einen guten Ganztag" hat hierfür Anregungen geliefert und einen Anlass geboten, sich mit anderen Kommunen auszutauschen.

Im Folgenden finden Sie die Dokumentation.

 

Wissenschaftlicher Impuls

Warum ganztägige Bildung und Betreuung?

Vortrag von Prof. Markus Sauerwein, Hochschule Nordhausen

Zu Beginn seines Vortrages stellte Markus Sauerwein folgende Fragen in den Mittelpunkt: Was ist guter Ganztag und was braucht es, um diesen umzusetzen? Markus Sauerwein betonte, dass diese Fragen schon seit über 20 Jahren diskutiert werden und die Debatte um Ganztagsschulen und was der Ganztag leisten kann, ebenso lang geführt wird. Dieser Rückblick, so Markus Sauerwein, ist hilfreich, um die unterschiedlichen Ziele und Chancen, die mit dem Ganztag verbunden werden, zu kontextualisieren, die eigene kommunale Haltung zu reflektieren und deutlich zu machen, dass die Qualitätsdebatte ein fortwährender Prozess ist, der nie abschließend geklärt werden kann.

Weiterhin ging er in seinem Vortrag auf den Status Quo der Ganztagsangebote in den Bundesländern ein, machte deutlich, dass die Ausbaustände je nach Bundesland sehr unterschiedlich sind und skizzierte die verschiedenen existierenden Formen des Ganztags in Deutschland. Die Frage der Qualität ist nach Markus Sauerwein immer eine Frage der Perspektive unterschiedlicher Akteur:innen wie Politik (Kommune, Länder), Personal, Eltern und Kinder sowie Wissenschaft. Die Beurteilung von Qualität fußt darüber hinaus zum einen auf normativen Setzungen wie dem Fachkräftegebot sowie zielgebundenen Setzungen wie die Selbstwirksamkeit oder die schulischen Leistungen von Kindern zu steigern.

Daran anschließend ging Markus Sauerwein konkret auf Herausforderungen und Chancen in den unterschiedlichen Qualitätsbereichen des Ganztags wie Kooperation von Jugendhilfe und Schule, Personal und die Kinderperspektive auf den Ganztag ein. Hier betont er, dass vor allem die schulzentrierte Betrachtung von Ganztag überwunden werden muss, um einen pädagogisch wertvollen und kindgerechten Ganztag in Grundschulen zu gestalten. Abschließend stellte Markus Sauerwein kommunale Steuerungsmöglichkeiten dar, um den Ganztag weiterzuentwickeln. Dazu zählte er unter anderem regionale Fachkräftestrategien, stärkere Kooperationen zwischen Hochschulen und Kommunen für z. B. Evaluationen von Ganztag oder die Steuerung von Ganztag über regionale Bildungskoordinator:innen. 

Praxiseinblick I

LHS Dresden: Qualitätsrahmen Grundschule und Hort im Dialog

Sabine Grohmann, Abteilungsleiterin Strategische Management, Geschäftsbereich Bildung, Jugend und Sport | Amt für Kindertagesbetreuung, Landeshauptstadt Dresden
Annika Römisch, Regionalleiterin Personalführung/Fachberatung, Geschäftsbereich Bildung, Jugend und Sport | Eigenbetrieb Kindertageseinrichtungen | Kommunale Kitas, Landeshauptstadt Dresden

Die Kolleginnen aus Dresden, Sabine Grohmann und Annika Römisch, stellten den Teilnehmenden den umfangreichen Prozess zur Erarbeitung und Implementation des stadtweiten Qualitätsrahmens „Gemeinsam bildet – Grundschule und Hort im Dialog“ vor. Dabei betonten die Kolleginnen, dass es sich hier um einen fortwährenden Prozess handelt, der niemals in Gänze abgeschlossen werden kann – denn auch das Ringen um Qualität wird nie abgeschlossen sein.

Begleitet von der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung traten ab 2011 die kommunalen Bildungsämter gemeinsam mit dem Landesamt für Schule und Bildung sowie der Fachberatung und Praxisebene in einen umfassenden Aushandlungsprozess zur Erarbeitung geteilter Standards. Das Ergebnis ist ein abgestimmter Qualitätsrahmen, der sich über acht Handlungsfelder erstreckt und mit Beispielen guter Praxis unterfüttert ist. Die Implementation wurde und wird weiterhin durch multiprofessionelle Beratungstandems geleistet, um weiterhin möglichst hohe Perspektivenvielfalt in der Implementation der Qualitätsstandards zu gewährleisten. 

Das Beispiel aus der Landeshauptstadt Dresden zeigt, dass kommunale Rahmenkonzepte oder Qualitätsrahmen für Ganztag in der Primarstufe dabei helfen können, Strukturen der gemeinsamen Zusammenarbeit zu etablieren und ein gemeinsames Verständnis für unterschiedliche Perspektiven auf Ganztag zu schaffen. Als wichtigste Gelingensbedingungen wurden folgende Punkte genannt: eine „spürbare Erleichterung in der Praxis“, das „Durchhaltevermögen der Akteur:innen“ sowie ein geteiltes Verständnis, dass es sich hierbei um ein langfristiges Programm (und kein kurzfristiges Projekt) handelt. Das Beispiel macht deutlich, wie wichtig es ist, Qualität im Ganztag als einen fortwährenden Prozess zu verstehen. Ein Qualitätsrahmen lässt sich nicht endgültig verabschieden, sondern muss in der Praxis mit allen beteiligten Akteur:innen täglich gelebt werden.

Praxiseinblick II

LHS Düsseldorf: Kooperation mit und Qualifizierung von im Ganztag tätigen außerschulischen Kräften

Bernd Luberichs, Leiter der Abteilung für Bildung, Ganztag und Übergänge im Amt für Schule und Bildung, Landeshauptstadt Düsseldorf

Bernd Luberichs stellte das sogenannte „Düsseldorfer Modell“ vor. Hier werden zusätzliche professionelle Bildungsangebote in den Ganztag integriert und somit der offene Ganztag der Stadt mit Angeboten aus Bewegung, Kultur, MINT und Medien bereichert. Dazu wurde ein Verfahren entwickelt, in dem individuelle Bildungsanbieter:innen ausgewählt, weitergebildet und an Schulen vermittelt werden. In Kooperation mit Verbänden und Institutionen koordiniert das Amt den Einsatz der Bildungsanbieter:innen.

Durch wiederkehrende Seminare wird sichergestellt, dass die Personen, die neu in die Schulen kommen, mit den Qualitätsstandards und Arbeitsweisen vertraut sind. Bernd Luberichs beschrieb die positiven Effekte, die durch dieses Modell zu erkennen sind. So wird neben einer Anreicherung des Schulprogramms mit mehr fachlicher Breite auch mehr Personal für den Schulalltag gewonnen. Herausforderungen bestehen selbstverständlich auch hier in Bezug auf den Fachkräftemangel, relativ niedrige Honorare sowie die Verbindung zwischen Unterricht und Bildungsangeboten. Hier will die Stadt nun ansetzen und zukünftig mehr Beratung auch in Fragen der Einbindung der Angebote in den Tagesrhythmus der Kinder anbieten. 

Das Beispiel aus der Landeshauptstadt Düsseldorf zeigt die Notwendigkeit, angesichts der zahlreichen Herausforderungen im Bereich Ganztag auf Ressourcen zurückzugreifen, die vor Ort verfügbar sind und macht deutlich, welche Rahmenbedingungen dafür geschaffen werden müssen. Durch die Einbindung von vielseitig ausgebildeten Menschen und durch den zusätzlichen Qualifizierungsprozess der Landeshauptstadt Düsseldorf gelingt es, verschiedenste Bildungsangebote anzubieten und verfügbare Personalressourcen mit Qualitätsansprüchen gezielt einzusetzen. 

Praxiseinblick III 

LHS Stuttgart: Beteiligung von Kindern im Ganztag

Fabienne Bauer, Mitarbeiterin Abteilung Stuttgarter Bildungspartnerschaft, Landeshauptstadt Stuttgart

Fabienne Bauer stellte in ihrem Vortrag die Qualitätsanalyse Ganztag in der Primarstufe vor und welche Rolle dabei die Beteiligung verschiedener Akteur:innen insbesondere Grundschulkindern zukommt. Im Jahr 2017/18 wurde eine umfassende Qualitätsanalyse durchgeführt, in der die Anforderungen des Rahmenkonzepts Ganztag in einzelnen Ganztagsgrundschulen überprüft wurden. Neben standardisierten Befragungen und Gruppendiskussionen von im Ganztag tätigem Personal und Eltern stand die Sichtweise von Kindern im Mittelpunkt.

Fabienne Bauer schilderte, dass an zehn ausgewählten Schulen 148 Schüler:innen beteiligt wurden und Methoden wie beispielsweise die Mental Map angewendet wurden, um Räume der Schule zu zeichnen und zu bewerten. Außerdem wurden quantitative Daten erhoben und von den Kindern einzelne Aussagen zu Themen wie Einschulung, Mittagsband, Mitbestimmung und Gesamtzufriedenheit bewertet. Zu den Erkenntnissen der Kinderbeteiligung zählten unter anderem der Wunsch nach einer Verbesserung der Essensituation, der Sauberkeit der Toiletten und der Wunsch nach mehr Beteiligungsmöglichkeiten.

Fabienne Bauer betonte, dass die Kinderperspektive sich als besonders wertvoll erwies, da sie direkte Einblicke in die Lebenswelt der Schüler:innen ermöglichte und in die Planungen von Maßnahmen direkt einflossen. Neben Maßnahmen, die direkt auf die Ergebnisse der Umfrage reagieren, wie die Erhöhung des Reinigungsturnus der Toiletten, wird nun auch daran gearbeitet, die Beteiligung von Kindern in Grundschulen im Alltag stärker zu verankern. Dazu wird derzeit ein Handbuch Partizipation erstellt, das Schulen dabei unterstützen soll, Partizipationsprozesse umzusetzen. Fabienne Bauer erklärte abschließend, dass aktuell eine weitere Qualitätsanalyse geplant wird, in der die Erkenntnisse und Erfahrungen der letzten Qualitätsanalyse einfließen und deren Ziel es ist, noch mehr Kinder einzubeziehen. 

Das Beispiel aus der Landeshauptstadt Stuttgart macht deutlich, wie wichtig eine fortlaufende Evaluation des Ganztags ist. Einmal gesetzte Rahmenkonzepte müssen mit Leben gefüllt werden und in der Praxis anwendbar sein. Die Perspektive von Kindern auf den Ganztag ist dabei entscheidend – denn sie sind es, die ihre Zeit gerne im Ganztag verbringen sollten. Dabei zeigt sich, dass Kinder sehr konkrete Vorstellungen und Wünsche an einen guten Ganztag haben. Die Einbindung ihrer Perspektive auf den Ganztag hilft nicht nur dabei Aspekte für einen guten Ganztag zu berücksichtigen, die sonst schnell übersehen werden, es stärkt zudem die Selbstwirksamkeitserfahrungen der Kinder und vermittelt wichtige demokratiepädagogische Elemente. 

Zusammenfassung und Fazit

Was ist guter Ganztag? Diese Frage lässt sich auch nach dem Großstadtnetzwerk „Qualität im Ganztag durch Qualität in Verwaltung“ nicht auf eine einheitliche Formel reduzieren und beantworten. Sowohl der wissenschaftliche Beitrag als auch die kommunalen Praxisbeispiele haben deutlich gemacht, dass es unterschiedliche Perspektiven auf gute Ganztagsbetreuung- und Bildung gibt. Mit dem Ganztag werden zum Teil unterschiedliche Erwartungen und Ziele verbunden. Dazu kommen Herausforderungen wie der Fachkräftemangel und die akute Raumnot, wodurch eine gemeinsame Kraftanstrengung aller am Ganztag beteiligten Akteur:innen, aber auch Kreativität und Handlungsmut mehr denn je gefragt sind. Eine auf Daten basierende Strategie und eine gute Koordination aller am Ganztag Beteiligten ist hilfreich, um ein gemeinsames Verständnis für guten Ganztag zu schaffen und gemeinsame Lösungen zu erarbeiten. Sowohl die fachbereichsübergreifende Zusammenarbeit, insbesondere an der Schnittstelle Jugend und Schule, als auch die konsequente Einbindung des Sozialraums und seiner Akteur:innen muss dafür gestärkt werden, um einen guten Ganztag anzubieten.

Weiterführende Informationen

Positionspapier der DKJS zum Fachkräftemangel Ganztag

Publikation „Was Grundschulkinder brauchen" 

Ansprechperson

Das Großstadtnetzwerk der Transferagentur für Großstädte

Das Großstadtnetzwerk der Transferagentur für Großstädte ist ein bundesweites Netzwerk von Kommunen, die ein datenbasiertes kommunales Bildungsmanagement aufbauen und weiterentwickeln, um für aktuelle Herausforderungen im Bildungsbereich ressortübergreifende Lösungen zu erarbeiten. Die Treffen fördern den städteübergreifenden Praxis- und Erfahrungsaustausch und bieten die Zeit sowie einen vertraulichen Rahmen für kollegialen Austausch und Vernetzung. Zudem bietet es ein Forum, um Einblicke in gute Praxis vor Ort zu erhalten und Zukunftsthemen für das DKBM zu diskutieren. Ein Einstieg ins Großstadtnetzwerk ist jederzeit möglich.