"Wichtig ist, von Anfang an Transparenz herzustellen und Beteiligung ernst zu meinen."

Interview mit Claudia Michelfeit vom Institut für kommunale Planung und Entwicklung in Erfurt
Referentin Claudia Michelfeit hält einen Vortrag

„Eine integrierte Planung nimmt den Sozialraum in Blick.“ Im Interview erklärt, Claudia Michelfeit, Institut für kommunale Planung und Entwicklung e.V. und stellvertretende Leiterin der Stabsstelle Strategische Sozialplanung im Thüringer Ministerium für Arbeit, Soziales, Gesundheit, Frauen und Familie, wie das in der Praxis funktioniert: Wer muss beteiligt werden? Welche Strukturen und Gremien müssen dabei sein?

Wo sehen Sie den Mehrwert einer integrierten Planung?
Einerseits darin, Doppelstrukturen zu vermeiden und andererseits Angebote zu machen, die von den Lebenslagen, Bedürfnissen und Bedarfen der Bevölkerungen ausgehen. Diese wiederum zu prüfen und ggf. umsteuern.
Aber machen wir uns nichts vor: Jeder Planungsprozess ist auch eine Kostenbetrachtung. Ich würde es nicht Einsparung nennen. Es geht darum, die vorhandenen Mittel adressatengerecht einzusetzen.

Wo sehen Sie Stellschrauben, die zum Gelingen beitragen können? Oder auch, im Gegenteil, Herausforderungen?
Ganz wichtig ist, von Anfang an Transparenz herzustellen und Beteiligung ernst zu meinen. Beteiligung heißt nicht, dass immer alle mitwirken müssen. Beteiligung heißt zunächst, Informationen über so einen Prozess bereitzustellen. Bei Umsteuerung oder Veränderung ist die Angst groß, dass die eigenen Angebote gekürzt werden. Wenn man aber die Prozesse transparent gestaltet, gemeinsam schaut, wo es hingehen soll und Ziele entwickelt, muss man hinterher nicht diskutieren, warum sich das ein oder andere Angebot verändern musste.
Solche Prozesse haben immer die Problematik, dass das Feld sehr breit wird, wenn ich von Kooperation, Netzwerken und ähnlichem rede. Irgendwann müssen sich die Dinge wieder bündeln. Eine Stellschraube wäre da wiederum ein Bildungskoordinator oder Bildungsplaner, der die Kompetenz hat, diese Prozesse wieder zusammenzuführen.

Welche vorhandenen Strukturen braucht es, um integriert planen zu können?
Es gilt: Prozess vor Struktur. Damit meine ich nicht „von den vorhandenen Angeboten aus planen“. Sondern vielmehr, dass wir nach Zielen und Bedarfen schauen und uns daran ausrichten, welche Strukturen wir benötigen und welche passen.
Wir sind sowohl als Institut [IKPE Erfurt] als auch als Land [Thüringen] der Ansicht, dass Planungseinheiten sehr gut arbeiten, in denen sich mehrere Planungsfachkräfte vereinen. Diese Planungseinheit muss strukturell relativ hoch innerhalb einer Kommune und ämterübergreifend angesiedelt sein: also bei einem Dezernenten, als Stab oder im nachgeordneten Bereich.
Wir haben zudem festgestellt, dass Fachplanungen sehr wohl in Fachämtern organisiert sein können. Jugendhilfeplanung kann zum Beispiel durchaus beim Jugendamt sitzen. Es muss jedoch immer Berührungspunkte zu integrierten Planungsprozessen geben. Wenn ich z.B. eine integrierte Sozial- oder Bildungsplanung mache, ist es gut, wenn die daran beteiligten Akteure in einer Einheit arbeiten, in der sie eben auch den Amtsleiter vom Bauamt ansprechen können. Das aus der Linie heraus zu tun ist sehr schwierig. Wir fallen sonst wieder in versäulte Strukturen zurück. Ansonsten benötigt es einen unwahrscheinlichen Kraftaufwand, weil beispielsweise der Bildungsplaner sich innerhalb seiner Säule zunächst nach oben bewegen muss, um dann in einer anderen Säule nach unten zu steigen, um mit dem Gesundheitsplaner, Altenhilfeplaner oder ähnlichem zu sprechen.

Gibt es Vorreiter-Kommunen? Oder ist das Stichwort integrierte Planung noch Neuland für die meisten Kommunen?
 Die „vorbildliche“ Kommune gibt es nicht. Wir haben in Thüringen 23 Kommunen. Wenn es schlecht läuft, gibt es 23 verschiedene Verläufe von Planungsprozessen. Doch das ist nicht ganz so. Im Moment durchlaufen zwölf Kommunen bestimmte Schritte und wir beraten diese Kommunen weiterhin dabei, diese Planungsschritte qualitätsvoll zu füllen. Am Ende haben wir im besten Fall 18 gute Strukturen, in denen solche integrierten Planungsprozesse umgesetzt werden können.
Selbst wenn die ein oder andere Kommune integrierte Sozialplanung betreibt und noch keinen Bildungsfokus hat, dann ist – sofern diese Struktur steht – eine integrierte Bildungsplanung, Altenhilfeplanung oder andere themenfeldspezifische Planung möglich. Denn man hat bereits Partner erschlossen. Dies gilt auch umgekehrt.

Geht integrierte Planung auch ohne Hilfe von außen?
Nein. Das ist ja genau das, was wir in Thüringen [mit dem IKPE] machen: den Impuls, die Unterstützung von außen geben. Wir haben, bevor wir mithilfe unserer Angebote unterstützten, die Bedarfe abgefragt. Nicht nur bei dem Planer selbst, sondern auch bei den Vorgesetzten. Sprich: Wir haben Dezernenten gefragt: „Was wünscht ihr euch für eine integrierte Planung? Was soll sie können und machen?“ Daraufhin haben wir entsprechende Beratungs- und Qualifizierungsprozesse aufgesetzt.
Solcher Impulse bedarf es. Das kann natürlich nicht dauerhaft sein. Man muss jedoch immer wieder externe Partner ins Boot holen dürfen, die bestimmte Parts übernehmen, die man als Planer vor Ort nicht leisten kann. Manchmal ist man gefangen in einzelnen kommunalen Strukturen, so dass es gut ist, wenn ein externer Moderator oder Berater kommt, der auch über den Tellerrand schauen kann.

Muss oder kann ein solcher Prozess nur von innen kommen?
Jetzt kommt das große Aber: Planungsprozesse von außen in die Kommune reinzutragen ist nicht möglich, wenn in der Kommune kein politischer Rückhalt dafür herrscht. Das mache ich immer wieder besonders deutlich: Ich muss die politischen Entscheidungsträger am Anfang eines solchen Prozesses mit ins Boot holen.

Braucht es dann zusätzlich noch Akteure, die dafür brennen?
Ja, diese Erfahrung haben wir gemacht. Es gibt verschiedene Impulsgeber für solche Prozesse. Das kann die Arbeitsebene sein, die sagt: „Wir brauchen integrierte Planungsprozesse, weil wir einzeln nicht weiterkommen.“ Das kann auf der mittleren Managementebene sein, also der Dezernent, der sagt: „Ich brauche Ergebnisse, ich muss Entscheidungshilfen haben.“ Das kann auch der Bürgermeister oder der Landrat sein, also die Verwaltungsspitze. Es sollte nicht so sein, dass nur einer alleine dafür brennt.
Unserer Erfahrung nach funktioniert es nicht, wenn das mittlere Management nicht mitzieht. Die Arbeitsebene kann das alleine nicht umsetzen. Erst dann hat es eine Nachhaltigkeit. Wenn eine Person durch Wahlen ausgetauscht wird, diese Prozesse aber verankert sind, kann ein Projekt über das Auslaufen hinaus weitergetragen werden.
 

Das Interview führten wir im Rahmen des Treffens im Großstadtnetzwerk der Fachgruppen „Kommunales Bildungsmanagement“ und „Kommunales Bildungsmonitoring“ am 6. und 7. Oktober 2016 in Berlin. Die Dokumentation der Veranstaltung finden Sie hier.