„Als Stadt haben wir durch die Arbeitsmigration eine lange Erfahrung mit Migration."

Interview mit Daniela Schneckenburger, Dezernentin für Schule, Jugend und Familie in Dortmund
Daniela Schneckenburger
In Dortmund gab es eine große Anzahl von neu zugewanderten Kindern und Jugendlichen in den letzten Monaten. Circa 6.000 Flüchtlinge kamen in der Ruhrmetropole an, näherungsweise genauso viele Neuzugewanderte kamen aus Südosteuropa, Bulgarien und Rumänien. Dortmund kann im Bereich Kommunales Bildungsmanagement somit bereits auf einige Erfahrung bei der Integration in Bildung zurückgreifen.

Wie hilft Ihnen diese Erfahrung in der aktuellen Situation?

Als Stadt haben wir bereits durch die Arbeitsmigration eine lange Erfahrung mit Integration.
Wir haben in Dortmund also sehr früh begonnen, kommunales Bildungsmanagement als unsere Aufgabe zu betrachten und verschiedene Bildungsakteure zu vernetzen. Unsere Bildungsnetzwerke waren einerseits auf benachteiligte Quartiere ausgerichtet, andererseits auf die Zuwanderung aus Südosteuropa. Das bildet jetzt eine gewisse Blaupause für diese nächste Stufe von Zuwanderung der letzten Monate. Man kann so auf bestehende Strukturen aufbauen, an sie anknüpfen und bestimmte Erfahrungen bereits auswerten. „Kinderstuben“, ein Projekt, das wir geschaffen haben aufgrund der Zuwanderung aus Südosteuropa beispielsweise, können wir nun zunächst auswerten und dann weiterführen für Flüchtlingskinder, die aktuell zu uns kommen. 
 
Wie hilft Ihnen die ämterübergreifende Zusammenarbeit der Stadt Dortmund bei diesen Entwicklungen?
 
Wir verabreden und handeln als Verwaltung in einer gesamtstädtischen Strategie, in der wir die verschiedenen Fachbereiche zusammenführen. Das bildet sich exemplarisch am Netzwerk Südosteuropa ab. Dazu gehören die beteiligten Dezernate und Fachbereiche, aber auch andere Akteure aus dem sozialen Feld. Das ist eine Form der Zusammenarbeit, die nun weitergeführt werden kann im Flüchtlingsbereich. 
Ganz wichtig dabei: Unser „Dienstleistungszentrum Bildung“ bildet eine zentrale „Eingangstür“.
Im Dienstleistungszentrum bündeln sich Informationen über die Zuwanderungssituation und Expertise über das Dortmunder Bildungsangebot, das Kindern und Eltern mit hoher fachlicher Beratungskompetenz zur Verfügung gestellt werden kann – ebenso wie der Bezirksregierung, die ja den Personaleinsatz in Dortmund entscheidend steuert.
 
Und welche Rolle spielt für Sie das Programm „Bildung integriert“?
 
Wir sind sehr froh, dass es das Programm gibt, weil es bei der Erfassung von Entwicklungen unterstützt. Denn wir benötigen mehr gezielte Informationen. Diese Daten sollen dazu dienen, besser zu verstehen, wie wir unsere Strukturen weiterentwickeln müssen. Darum müssen wir uns auch immer wieder neu fragen: Was bringen die neuzugewanderten Kinder mit? Stecken konkrete Problemlagen in den Stadtbezirken, in den Sozialräumen, im Übergang zwischen den einzelnen Stufen des Bildungssystems? Das beobachten zu können ist eine Voraussetzung für kommunales Bildungsmanagement insgesamt.
 
Helfen Ihnen an dieser Stelle die Transferagenturen weiter?
 
Die Transferagenturen sind ein wichtiger Kooperationspartner, wenn es bspw. um Erfahrungsaustausch geht. Ich glaube, dass die Kommunen in der Tat immer dann klug und gut beraten sind, wenn es ihnen gelingt, in Kooperation über Erfahrungsaustausch schneller und zielgenauer zu werden. 
 
Also bringt Ihnen auch der Austausch mit anderen Kommunen sehr viel?
 
Ja. Wir können und wir müssen voneinander lernen. Das Ruhrgebiet ist einer der größten Ballungsräume in Europa, die Sozialstrukturen in den schwierigen Quartieren sind vergleichbar. Von daher beinhaltet „voneinander lernen“ an dieser Stelle die Chance, sich gute Projekte von der Nachbarkommune abzugucken. Auch zu sehen, wo Probleme bestehen, welche Ursachen sie haben und gegebenenfalls gemeinsam über veränderte Instrumente nachzudenken. Kollegiale Beratung ermöglicht also Wissenstransfer und Optimierung der eigenen Praxis.
 
Welche Arbeit leisten für Sie Projekte wie "angekommen in deiner Stadt Dortmund“? Wie konnten Sie solch ein Projekt so effektiv umsetzen?
 
Das geht gerade für Kommunen in schwieriger Haushaltslage oft nur durch die Unterstützung von Stiftungen: Durch deren Know-how und deren Angebot wird vieles erst möglich. Das Projekt „angekommen in deiner Stadt“ war ein außerschulischer Lernort und ist nun ein Projekt, das das Lernen über Schule hinaus in Gesellschaft hinein verlängert. Es ist ein schöner Ort geworden mitten in der Stadt in einer sehr zentralen Lage zu den Berufskollegs – ein Anknüpfungspunkt für außerschulisches Lernen par excellence. 
 
Was erhoffen Sie sich von der neuen Förderrichtlinie "Kommunale Koordinierung der Bildungsangebote für Neuzugewanderte"?
 
Natürlich ist es gut, Hilfe zu bekommen! Wir merken jedoch, dass es zunehmend schwieriger wird, Förderprogramme in einer Struktur so miteinander zu vernetzen, dass sie aufeinander aufbauen. Hier bauen wir auf die Wirkung kommunaler Koordinierung. 
Außerdem möchten wir gerne mithilfe des Programms auf die neue Zielgruppe schauen, die zahlenmäßig stark vertreten ist bei uns: die unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge. Wir haben bei den unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen in Dortmund eine sehr große Gruppe von 16- und 18-jährigen Jugendlichen. Bei ihnen wird es um den Übergang in Ausbildung und Beruf gehen, und gerade an dieser Stelle ist das Bildungssystem nicht ausreichend aufnahmefähig. 
Es geht also darum, darauf zu achten, dass wir keine Doppelstrukturen schaffen, Mittel effizient einsetzen und möglichst effizient miteinander arbeiten – im Interesse der Kinder und Jugendlichen.

Das Interview führten wir auf der Jahrestagung der Transferagenturen für Großstädte am 13. April 2016 in Essen. Die Dokumentation der Veranstaltung finden Sie hier.

Einen Artikel über das Projekt "angekommen in deiner Stadt Dortmund" finden Sie auch in Ausgabe 1/2016 unseres Magazins für kommunale Bildungslandschaften, das Sie hier kostenfrei als Printversion bestellen können.