Fachgruppentreffen „Bildungsmanagement“ und „Bildungsmonitoring“

Heterogenität der Großstadt – Das Konzept der Sozialraumorientierung im kommunalen Bildungsmanagement

Art:

Ort:
Jugendgästehaus und Bildungszentrum Bielefeld gemeinnützige GmbH
Hermann-Kleinewächter-Straße 1
33602 Bielefeld
Datum:
Mittwoch, 17. Mai 2017 (Ganztägig) bis Donnerstag, 18. Mai 2017 (Ganztägig)
Das Fachgruppentreffen im Großstadtnetzwerk ging der Frage nach, wie heterogene Bildungsbedarfe von Großstädten abgebildet und so aufbereitet werden können, dass sie für ein Bildungsmonitoring nutzbar sind. Im Fokus stand dabei die Sozialraumorientierung.
Neben Impulsen aus der Praxis der Städte Hannover und Gelsenkirchen sowie einem wissenschaftlichen Blick von Dr. Anna Makles vom Wuppertaler Institut für Bildungsökonomische Forschung standen die aktuellen Fragen und Herausforderungen der Teilnehmenden im Zentrum beider Tage: zu Fragen der horizontalen und vertikalen Kooperation, Datenbasierung, Methodik und Raumorientierung. Das Anliegen war, das Themenfeld gemeinsam mit den Teilnehmenden zu öffnen, brennende Fragestellungen zu identifizieren, diese in einem weiteren Schritt zu vertiefen und Lösungen zu entwickeln.

Begrüßung durch die Stadt Bielefeld
Dr. Udo Witthaus, Dezernent für Schule, Bürger und Kultur

Dr. Udo Witthaus gab Einblicke in aktuelle Themen und Entwicklungen des Wissenschafts- und Wirtschaftsstandortes Bielefeld. Die stetige Zu- und Binnenwanderung erfordert Schulerweiterungen und Schulneugründungen, zugleich steigen die Anforderungen an die Entwicklung sozialraumspezifischer Teilhabe und Entwicklungschancen. Bielefeld setzt hier auf integrierte Handlungskonzepte. Damit auch zukünftig eine integrierte Planung gelingt, appellierte Herr Witthaus daran, das Denken in eigenen Zuständigkeiten weiter zu überwinden und den Mut zu gemeinsamen Diskursen aufzubringen.

Einführung ins Thema und Einstieg in wechselnden Themeninseln
Katja Geerdes, Transferagentur für Großstädte

Bedarfsorientierte Ressourcensteuerung gewinnt in heterogen geprägten Großstädten stetig an Bedeutung. Für die Bildungssteuerung bietet Sozialraumorientierung geeignete Ansätze um spezifische Bedarfslagen besser in den Blick nehmen und mit passgenauen Maßnahmen begegnen zu können. Damit das gelingt, braucht es Kooperations- und Koordinationsprozesse innerhalb und außerhalb der Kommunalverwaltung. Ebenso braucht es Klarheit über den Raumbezug, die angewendete Methodik und die verfügbare Datenbasis auf der kleinräumigen Ebene.

In wechselnden Themeninseln zur Sozial- und Kleinräumigkeit, Methodik und Datenbasis sowie zur horizontalen und vertikalen Kooperation diskutierten die Teilnehmenden über die brennendsten Herausforderungen.

Sozial- und Kleinräumigkeit 
Dreh- und Angelpunkt der Diskussion war die Frage nach der Definition von Sozialräumen, z.B. in Abgrenzung zu Schuleinzugsgebieten und bezogen auf die Bezugsebene (Quartier, statistischer Unterbezirk, Stadtteil, Planungsraum). Der Sozialraum ist ein soziales Konstrukt und inhaltlicher Funktionsraum, der einen systemischen Blick erfordert, Platz für Interpretation bietet und sich je nach seinem Analysefokus verändern kann und muss. Aktuell gibt es unterschiedliche Definitionen und Deutungshoheiten. Der Wunsch nach klaren Anforderungen einer Definition ist hoch. Dabei stellt sich die Frage, ob es wirklich den Sozialraum für die Analyse braucht oder vielmehr ein „Sozialraster“.

Methodik und Datenbasis 
Für die Methodik und Datenbasis ist die Definition und Abgrenzung von Sozialräumen essentiell. Der ideale Weg aus Sicht der Teilnehmenden ist die Definition von kleinen Planungsräumen auf gesamtstädtischer Ebene, die es ermöglichen, Daten je nach Fragestellung und Sozialraumdefinition zu aggregieren. 
Dass die Herausforderungen hinsichtlich des Zugangs und der Nutzung von kleinräumigen Daten vielfältig sind, veranschaulichte die thematische Breite der Diskussion innerhalb der Themeninsel. Als herausfordernd beschrieben die Teilnehmenden die Vorausetzungen, die für die Verarbeitung und den Austausch von Daten mit anderen Fachbereichen und der Statistikstelle erforderlichen sind. Auch die Überführung der aus den kleinräumigen Analysen erzielten Ergebnisse in steuerungsrelevantes Handlungswissen ist eine zentrale Herausforderung.

 
Horizontale Kooperation
Im Fokus stand die ämterübergreifende Zusammenarbeit auf Planungs- und Steuerungsebene. Deutlich wurde, dass die strukturellen und prozessualen Anforderungen im Rahmen eines datenbasierten Bildungsmanagements von besonderer Bedeutung für die Teilnehmenden sind. Das sind:
  • die Verknüpfung der zentralen Steuerungsebene (gesamtstädtische Verwaltung) mit der dezentralen Ebene (Akteure im Sozialraum)
  • die Nutzung geeigneter Formate (Stadtteilkonferenzen, Bildungskonferenzen, Strategie- und Planungsworkshops) und Instrumente (Beteiligung, Transparenz, Strategieentwicklung)
  • die gezielte Einbindung spezifischer Akteure (Fachkräfte im Quartier, lokale Politik)
  • das Überführen kleinräumiger Analyseergebnisse in den Sachdiskurs, die Ermöglichung datenbasierter Entscheidungen und Ableitung/Entwicklung von (gemeinsamen) Maßnahmen 
  • die Anforderungen an Strukturen und Prozesse für die Entwicklung eines Gesamtansatzes des datenbasierten kommunalen Bildungsmanagements, um zielführend alle Schritte von der Analyse zur Planung über die Umsetzung bis zur Überprüfung der Wirksamkeit zu gehen
  • die wertschätzende und kooperative Einbindung von Akteuren im Sozialraum (v.a. freie Träger der Jugendhilfe), um Bedarfe zu qualifizieren und geeignete Maßnahmen abzuleiten
 
Vertikale Kooperation
Die Themeninsel befasste sich mit der vertikalen Kooperation in mehrfacher Hinsicht:
  • hierarchieübergreifende Kooperation innerhalb der eigenen Organisationseinheit
  • hierarchieübergreifende Kooperation zwischen zwei Organisationseinheiten
  • Kooperation von zentraler Kommunalverwaltung und (kommunalen) Akteuren sowie weiteren Kooperationspartnern im Stadtteil
  • Kooperation von der Verwaltung in die Politik oder zum Land oder Bund.

Angesichts der Vielzahl dieser Kooperationsstränge zeigten sich unterschiedliche Herausforderungen. Folgende kommunale Herausforderungen brachten die Teilnehmenden in die Diskussion ein:

  • die Entwicklung von abgestimmten Strategien für alle Stadtteil- oder Quartiersmanager einer Kommune 
  • die Definition von Zielen auf den verschiedenen Ebenen, auch für die jeweiligen Sozialräume
  • die Einbindung der Perspektive des Sozialraums in die jeweiligen Planungen der einzelnen Ressorts
  • die Schaffung horizontaler Kommunikationswege entlang der vertikalen Linie, um Themen auf allen Hierarchieebenen umfassend bearbeiten und erfassen zu können
  • die Verdeutlichung der Relevanz der sozialräumlichen Themen auf allen Ebenen, auch auf der Ebene der Politik mit Blick auf die Ressourcensteuerung

Blick über die Praxis
"Sozialraumanalyse – und dann… ?"
Dr. Anna M. Makles, Wuppertaler Institut für Bildungsökonomische Forschung der Bergischen Universität Wuppertal

In ihrem Vortrag ging Dr. Makles auf die Chancen ein, die die Sozialraumanalyse mit sich bringt, um politische Entscheidungen datenbasiert zu legitimieren, aber auch kritisch zu hinterfragen. 

Gang in die Praxis  
Stadtspaziergang in das Ostmannturm-Viertel und die Stadtbibliothek
Andreas Kämper, Büro für Integrierte Sozialplanung und Prävention, Stadt Bielefeld
Dr. Julia Capros und Gabriele Märk, Stadtbibliothek, Stadt Bielefeld

 

Andreas Kämper führte die Teilnehmenden vom Tagungsort auf dem ehemaligen Gelände der Dürkoppwerke zum Kesselbring und anschließend ins Ostmannturm-Viertel, in dem die Stadt aktuell die Entwicklung eines Bildungscampus plant. Dr. Julia Capros und Gabriele Märk gaben anschließend Einblicke in die Vielfalt der Stadtbibliothek, die mit über 1.000 Veranstaltungen im Jahr auch ein zentraler Ort für Bildung, Kultur und Begegnung ist. 

Blick aus der Praxis I
„Bildung ganzheitlich betrachten. Bildungsmonitoring und Bildungsmanagement in der Landeshauptstadt Hannover“
Saskia Brandl, Jugendhilfeplanerin, Dr. Katrin John, Bildungsmonitorerin,
Matthias Bamberg, Bildungsmanager Landeshauptstadt Hannover

Mit der Zusammenlegung der Fachbereiche Schule, Volkshochschule, Jugend und Familie im März 2016 sowie dem Start des Programms „Bildung integriert“ im Sommer 2017 hat das Bildungsmanagement und -monitoring in Hannover einen Schub erfahren. Bereits seit 2007 arbeitet in Hannover die Arbeitsgruppe (AG) Bildung, Betreuung und Erziehung. 2009 wurde ein erster Bildungsbericht erstellt, 2010 und 2012 folgten kleinere Berichte. Für die ressortübergreifende Arbeit bietet die AG einen Raum des vertrauensvollen Miteinanders und der kurzen Wege. In dem Vortrag wurde die Entwicklung der Struktur sowie Arbeitsweisen vorgestellt und Themen benannt, die aktuell bzw. perspektivisch bearbeitet werden sollen. Eine wichtige Gelingensbedingung für die Festlegung von Arbeitsschwerpunkten und Entscheidungen in der AG ist die regelmäßige Teilnahme der Leitungsebene im Dreimonatszyklus. 

Blick aus der Praxis II:
„Integriertes Monitoring für ein kommunales Bildungsmanagement“
Thomas Hackmann Bildungsmonitorer, Stadt Gelsenkirchen

Thomas Hackmann ging in seinem Vortrag zunächst auf den „Arbeitskreis Sozialraum“ ein, der zum Ziel hat, die sozialräumlichen Lebenslagen der Einwohnerinnen und Einwohner Gelsenkirchens mehrdimensional zu erfassen und darzustellen. Verortet ist der „Arbeitskreis Sozialraum“ im Verwaltungsbereich des Oberbürgermeisters. Am Beispiel eines Partizipationsindexes wurde die Arbeitsweise des Arbeitskreises vorgestellt. 

Im Kontext des Landesprogramms „Kein Kind zurück lassen“ hat die Stadt Gelsenkirchen einen Bericht zur Partizipation von Kindern auf Basis des fachbereichsübergreifend entwickelten Indexes erstellt. Koordiniert von der Stabsstelle Partizipation wurden im Ergebnis des Berichts stadtteilbezogene Strategieworkshops initiiert mit dem Ziel, geeignete Maßnahmen zu generieren, um die Beteiligung von Kindern in Gelsenkirchen zu erhöhen. 

Parallele Arbeitsphase I
Welche Methoden und Instrumente der Datenanalyse eignen sich, um sozialräumliche Besonderheiten in den Blick zu nehmen?
Mit Critical Friend Magda Gajdzik, Bildungsmonitoring und Statistik bei der Senatorin für Kinder und Bildung in Bremen

In der Arbeitsphase wurden die Themen vertiefend diskutiert, die am Vortag als besonders drängend identifiziert wurden.


Ein brennendes Thema ist die Nutzung von Kita- und Schuldaten auf Adressatenebene für das kleinräumige Bildungsmonitoring. Diskutiert wurde das Für und Wider von Individualdaten. Deutlich wurde: Es geht nicht um ein Entweder-oder, sondern um eine kontinuierliche Abwägung von Aufwand und Nutzen. Ausgehend von dem jeweiligen Erkenntnisinteresse sollte grundsätzlich zunächst geprüft werden, welche bereits vorhandenen Daten sich für die Bearbeitung der spezifischen Fragestellung eignen. Darüber hinaus sollte das Erfahrungswissen verschiedener Fachbereiche, wie beispielsweise sozialräumliche Ansätze der Sozialberichterstattung und -planung, von Beginn an stärker berücksichtigt werden. Denn häufig besteht vielmehr ein Umsetzungs- als ein Datendefizit, da eine sozialräumliche Perspektive nicht nur kleinräumige Daten, sondern insbesondere die Entwicklung von fachbereichsübergreifenden Strategien und Handlungskonzepten erfordert. 

Darüber hinaus wurde die Frage diskutiert, inwiefern es gelingen kann nicht nur Defizite und Problemlagen, sondern im Sinne des Capability Ansatzes auch die Stärken und Ressourcen eines Sozialraumes abzubilden. Wie können beispielsweise unterschiedliche Teilhabemöglichkeiten von Kindern und Jugendlichen mit dem gleichen sozialen Hintergrund identifiziert werden? Ein möglicher Ansatzpunkt hierfür können themenspezifische quantitative und qualitative Befragungen der Zielgruppen im Sozialraum sein. Diese können vorhandenes Datenmaterial um detaillierte Erkenntnisse über persönliche Präferenzen und Motive ergänzen und bilden somit gleichzeitig ein niedrigschwelliges Beteiligungsformat. Da eigene Befragungen in der Umsetzung häufig zeit- und kostenintensiv sind, können Hochschulen geeignete Kooperationspartner sein. Der Ansatz, Daten über externe universitäre Partner zu generieren und auszuwerten, wurde über die zwei Tage hinweg in verschiedenen Diskussionen immer wieder als gewinnbringende Möglichkeit für kommunale Entscheidungsprozesse thematisiert.

Parallele Arbeitsphase II
Welche Formen von Kooperation braucht es, um Bildung im Sozialraum wirksam zu gestalten? 

Mit den Critical Friends: Heiner Brülle, Amtsleiter Grundsatz und Planung im Amt für Soziale Arbeit der Stadt Wiesbaden, und Benjamin Harney, Bildungsmonitorer der Stadt Herne

In der Arbeitsphase standen die Themen der horizontalen und vertikalen Kooperation im Fokus, u.a.:

  • die Ansprache und das Gewinnen der politischen Ebene,
  • die Verständigung und die Klarheit zu den Zielen,
  • die Verknüpfung der städtischen mit der sozialräumlichen Ebene,
  • die Sicherung der Nachhaltigkeit der Kooperationen und
  • die Umsetzung eines datenbasierten kommunalen Bildungsmanagements von der Ausgangs- bis zur Wirksamkeitsanalyse.

Während der Diskussion mit den Critical Friends wurden Gelingensbedingungen erarbeitet, die im jeweiligen Gesamtkontext der Kommune und der handelnden Akteure zu betrachten sind, wie zum Beispiel:

  • einen Ratsbeschluss und den Rückhalt auf höchster Entscheidungsebene einholen (Dezernenten/in und/oder Oberbürgermeister): Dies kann Motor für die Entwicklung sein, ersetzt jedoch nicht die anspruchsvollen Kommunikations- und Aushandlungsprozesse zwischen und mit weiteren Akteuren. Zudem gilt es, den Rückhalt nicht nur einmal abzuholen, sondern diesen permanent aufrechtzuerhalten und (strategisch, thematisch) weiterzuentwickeln.
  • die einzelnen Arbeitsschritte konkretisieren, kleine Themen fokussieren und klar definierte Handlungsfelder bearbeiten: Das hilft Ergebnisse sichtbar und Erfolge durch die gemeinsame Bearbeitung nachvollziehbar zu machen. Dazu kann die Öffentlichkeitsarbeit genutzt werden, um diese auch mit kleinen Erfolgsmeldungen zu verknüpfen.
  • die kooperative Arbeit auf ein klares Ziel ausrichten. D.h. Akteursbeteiligung vor dem Hintergrund des formulierten Ziels orientieren, begrenzen oder erweitern: Klarheit in allen Aktivitäten und Umsetzungsschritten hilft dabei, die beteiligten Akteure zu binden. Die Differenzierung und Transparenz nach der Funktion der Beteiligung ist dabei besonders relevant.
  • Sensibilität für Begrifflichkeiten und Kontexte entwickeln: indem z.B. Perspektivwechsel vollzogen werden, um Aushandlungsprozesse mit anderen Ressorts (und anderen Handlungslogiken) konstruktiv zu gestalten: Die konkrete Ansprache von Einzelakteuren („Schlüsselakteuren“), die punktuell Verantwortung übernehmen („Lobbyarbeit“) und Beteiligungsprozesse unterstützen (z.B. bildungspolitische Sprecher der Fraktionen) spielt dabei eine wichtige Rolle.
Ansprechperson