Handlungsoptionen für Bildung und Stadtentwicklung im datenbasierten kommunalen Bildungsmanagement

Fahrradständer an einer S-Bahn-Station.
Dokumentation des Großstadtnetzwerks "Von der Ressort- zur Quartiersorientierung"

Art:

Ort:
Kulturwerkstatt Auf AEG
Fürther Straße 244d
90429 Nürnberg
Datum:
Montag, 18. Juni 2018 (Ganztägig) bis Dienstag, 19. Juni 2018 (Ganztägig)
Kontakt:
Die Bildungsvoraussetzungen in einer Stadt unterscheiden sich von Quartier zu Quartier. Segregationsprozesse, aber auch unterschiedliche bauliche Voraussetzungen, die Lage in der Stadt oder die Qualität vom öffentlichen Raum spielen hierbei eine Rolle. Um überall in der Stadt gute Bildungsquartiere zu gestalten, braucht es daher nicht nur innovative und integrierte, sondern auch quartiersspezifische Lösungsansätze. Die sozialräumliche Ausrichtung wird darum auch im datenbasierten kommunalen Bildungsmanagement (DKBM) zunehmend zum Thema. Dabei ergeben sich zentrale Anknüpfungspunkte zu den Steuerungsansätzen der Stadtentwicklung. Aktuell verlaufen diese Prozesse jedoch oft parallel, besonders wenn die Stadtentwicklung an baulichen Fragestellungen anknüpft oder integrierte Stadtteilentwicklungskonzepte zwar erstellt werden, aber wenig Steuerungsrelevanz im Bildungsbereich entfalten. 
Im Großstadtnetzwerk stand darum die Frage im Zentrum, wie Steuerungsinstrumente und Ansätze aus beiden Bereichen verbunden werden können sowohl auf Verwaltungsebene als auch im Sozialraum. Die Arbeitsthese des Treffens: Die Stadtentwicklung ist ein interessanter Partner im datenbasierten kommunalen Bildungsmanagement. 
Konkret wurden vier Anknüpfungspunkte für die Zusammenarbeit identifiziert und mit den anwesenden Kommunen diskutiert: 
 
  • Sozialräumliche Bildungsstrategien: Um strategische Bildungsziele für bestimmte Nachbarschaften zu definieren, bietet es sich an, Instrumente der Stadtentwicklung zu nutzen, etwa gesamtstädtische oder stadtteilspezifische integrierte Entwicklungskonzepte. 
  • Sozialräumliche Datenbasierung: Die Integration von Daten und Berichtssystemen aus der Stadtentwicklung und dem Bildungsbereich kann eine breitere Basis an steuerungsrelevanten Informationen für Sozialräume bereitstellen.
  • Arbeitsstrukturen: Ein DKBM muss nicht unbedingt Gremien und Strukturen mit Sozialraumbezug aufbauen; hier lassen sich Synergien mit der Stadtentwicklung nutzen – innerhalb von Verwaltung, aber auch im Sozialraum.
  • Koordinationsaufgaben: Sowohl das DKBM als auch die Stadtentwicklung treiben Querschnittsaufgaben voran. Hier gilt es, die Verantwortung für verschiedene Teilprozesse zu klären und vorhandene Koordinationsressourcen gemeinsam zu nutzen.
 

Wo steht die Zusammenarbeit? Was braucht es in Zukunft?

Zu Beginn des Großstadtnetzwerks schätzten die teilnehmenden Kommunen in allen vier Arbeitsfeldern den aktuellen Stand der Zusammenarbeit von Bildung und Stadtentwicklung ein und bewerteten, wie wichtig eine weitere Entwicklung in den jeweiligen Bereichen ist. 

Dabei zeigte sich, dass für sozialbenachteiligte Quartiere bereits häufig quartiersbezogene strategische Bildungsziele entwickelt werden, dies für andere Quartierstypen aber noch selten geschieht. Viele Städte verfolgen zudem bereits Ansätze eines sozialräumlichen Bildungsmonitorings und diskutieren Ergebnisse anlassbezogen mit anderen Fachbereichen; die Verzahnung von Bildungs- und Stadtentwicklungsdaten erfolgt bisher aber nur selten systematisch. Sowohl auf Verwaltungsebene als auch im Sozialraum gibt es vielfältige anlassbezogene Arbeitsstrukturen. Die kommunalen Vertreterinnen und Vertreter sahen hier aber eine stärkere Institutionalisierung als wünschenswert. Die gemeinsame Nutzung von Koordinierungsressourcen steht in vielen Kommunen noch am Anfang. Eine Weiterentwicklung in den benannten Bereichen schätzten die Kommunen dabei übergreifend als sehr relevant ein. Besonders die Frage, wie man von anlassbezogenen, persönlichen Kontakten zu institutionalisierten Prozessen und Strukturen kommt, beschäftigt viele Kommunen. 

Der Blick in die Praxis: Auf dem Weg zum sozialräumlichen DKBM?

Wie integrierte Stadtteilentwicklungskonzepte Bildung mitgestalten:
Die Nürnberger Lern- und Bildungslandschaft Weststadt 
Johannes Hinnecke, Stabstelle Stadtentwicklung, Stadt Nürnberg
Martina Haag, Referat für Jugend, Familie und Soziales, Stadt Nürnberg
Dr. Andrea Knecht, Bildungsbüro, Stadt Nürnberg

In Nürnberg unterstützt die Stabstelle Stadtentwicklung beim Oberbürgermeister die Entwicklung der Lern- und Bildungslandschaft Weststadt im Rahmen eines integrierten Stadtentwicklungskonzeptes. Dazu wurde ein ressortübergreifendes Gebietsteam eingesetzt, das den Prozess begleitet. Inhaltlich erarbeiteten das Referat für Schule und Sport, das Kulturreferat sowie das Referat für Jugend, Familie und Soziales ein gemeinsames Konzept. Im sogenannten forum Stadtentwicklung finden zudem übergreifende interdisziplinäre Diskussionen und Abstimmungen für die Weststadt und andere Sozialräume statt. Aktuell wird der Prozess gemeinsam mit dem Bildungsbüro um ein sozialräumliches Bildungsmonitoring ergänzt. Ziel ist es, Ressourcen und Erfolge der Lern- und Bildungslandschaft sichtbar zu machen und weitere Handlungsbedarfe abzuleiten. 

 

Bildungsdaten mit Steuerungsstrukturen der sozialen Stadtteilentwicklung verbinden: 

Das Herner Monitoringinstrument „Wie geht´s dir? UWE“
Jan Schröder, Leiter Kommunales Bildungsbüro, Stadt Herne
 

In Herne wird mit dem Monitoringinstrument „Wie geht’s dir? UWE“ erfasst, wie sich Umwelt, Wohlbefinden und die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen zueinander verhalten. Dazu kooperiert die Stadt mit der Ruhr Universität Bochum und adaptiert das kanadische Middle Years Development Instrument, um eine kleinräumige und institutionenscharfe Dauerbeobachtung der Lebensqualität und Lebenschancen von Kindern und Jugendlichen aufzubauen. Dazu werden in den Herner Schulen die Jahrgangsstufen 7 und 9 befragt. Als Ergebnis werden die Daten jeweils für die Schulen selbst, pro Schulform, für die Bezirke und für die Gesamtstadt aufbereitet. Zudem werden die Befunde in den Schulen und auf Sozialraumkonferenzen vorgestellt und diskutiert. Perspektivisch soll UWE das Herner Präventionsmonitoring erweitern und durch die aggregierten Daten auf Sozialraumebene quartiersspezifische Handlungsstrategien ermöglichen.

Diskussion der Praxisbeispiele und Entwicklungsperspektiven

Im Anschluss an die Inputs diskutierten die Teilnehmenden Anknüpfungspunkte und Entwicklungsperspektiven für das datenbasierte kommunale Bildungsmanagement. Es zeigte sich, dass die Erarbeitung quartiersspezifischer Bildungsstrategien aus Perspektive der anwesenden Kommunen viel Potenzial bietet. Als herausfordernd stellt sich dabei in der kommunalen Praxis jedoch oft dar, dauerhafte ressortübergreifende Aufträge als Grundlage der Zusammenarbeit zu erhalten. Die Stadtentwicklung kann hierbei als strategisches Dach fungieren und den Prozess im Rahmen von integrierten Entwicklungskonzepten unterstützen. 
Zudem wurde angeregt, die Perspektiven von Kindern und Jugendlichen stärker für die Entwicklung der strategischen Ausrichtungen zu berücksichtigen. Auch Ergebnisse aus dem Bildungsmonitoring sollten noch mehr mit der Zielgruppe und Akteuren im Sozialraum diskutiert werden. 
Damit Ergebnisse auch steuerungsrelevant werden, braucht es zudem eine gute Anbindung an verwaltungsinterne Arbeitsstrukturen. Hier hoben die Teilnehmenden den Ansatz von multiprofessionellen Gebietsteams hervor, deren Leitung je nach thematischer Ausrichtung in verschiedenen Fachabteilungen verortet sein kann. Betont wurde, dass Strukturen in den Quartieren stärker ressortübergreifend entwickelt und genutzt werden sollten, anstatt parallele Stadtteilgremien und Arbeitskreise zu etablieren. Innerhalb von Verwaltung braucht es darüber hinaus Gremien, in denen die Aushandlung zwischen Ressortinteressen und Denkweisen institutionalisiert stattfinden kann, so die Teilnehmenden. 
Um Koordinationsressourcen gemeinsam zu nutzen und parallele Aufträge zu verbinden, kann es eine interessante Option sein, die Stadtentwicklung als koordinierende Stelle, etwa als Stabstelle, aufzustellen. Dabei betonten die Teilnehmenden, dass es gelingen muss, Top-down- und Bottom-up-Prozesse gut abzustimmen und Impulse aus dem Sozialraum verbindlich in die Stadtverwaltung zu transportieren. 

Stadtteilspaziergang durch die Lern- und Bildungslandschaft Weststadt 

Zum Abschluss des ersten Tages hatten die Teilnehmenden die Gelegenheit, den Nürnberger Westen bei einem Stadtteilspaziergang kennenzulernen. Dabei standen sowohl die Geschichte des Stadtteils als auch aktuelle Entwicklungen der Lern- und Bildungslandschaft im Fokus. 

Impulsvortrag 

Quartiersentwicklung in benachteiligten Stadtquartieren: Arbeitsthesen zur Schnittstelle Bildung 
Timo Heyn
, empirica ag

Die Quartierentwicklung in benachteiligten Stadtquartieren bietet wichtige Anknüpfungspunkte für ein DKBM. Programme der Städtebauförderung können einen Impuls für die ressortübergreifende Zusammenarbeit bieten. Das Programm „Soziale Stadt“ etwa zielt darauf ab, Wohn- und Lebensverhältnisse zu verbessern. Dabei rückt neben rein investiven Maßnahmen zunehmend die Bekämpfung sozialer Missstände in den Fokus. Die Verbesserung von Lebenschancen wird zu einer wachsenden und dauerhaften Aufgabe. Kernbestandteile sind die Erarbeitung von integrierten Entwicklungskonzepten, der Aufbau von Koordinierungsstrukturen in Form von Quartiermanagements sowie eine grundsätzliche Beteiligungsorientierung. All dies bietet wichtige Schnittstellen und Möglichkeiten zur Zusammenarbeit mit dem Bildungsbereich und einem DKBM. Dabei stellt sich aber auch die grundsätzliche Frage, was das Ziel einer Quartiersentwicklung sein soll: die Lebensbedingungen für die Bewohnerinnen und Bewohner vor Ort zu erhöhen ohne die soziale Zusammensetzung zu verändern oder eine Verbesserung durch eine Veränderung der Bewohnerschaft und ein Mehr an sozialer Mischung im Quartier anzustreben.  Diese Fragen müssen für den Bildungsbereich gemeinsam mit der Stadtentwicklung diskutiert werden. 
Darüber hinaus bedeutet eine Ausrichtung hin zum Bildungsbereich einen Perspektivwechsel in der Stadtentwicklung, die zunehmend auch nicht-investive Maßnahmen in den Blick nimmt und diese mit baulichen Maßnahmen verzahnt. 

Ein Fazit

In einer anschließenden Arbeitsphase ergänzten die Teilnehmenden die Impulse um eigene Erfahrungen und erarbeiteten übergreifende Empfehlungen für ein sozialräumlich ausgerichtetes DKBM in Zusammenarbeit mit der Stadtentwicklung. Dabei wurde deutlich, dass die Zusammenarbeit von der Verständigung auf einen gemeinsamen Bildungsbegriff profitieren kann, wenn dieser über die Benennung des kleinsten gemeinsamen Nenners hinausgeht. 
Spätestens bei der Ausdifferenzierung von Leitlinien und Maßnahmen, so waren sich die Teilnehmenden einig, gilt es zudem, eine breite Beteiligung in den Sozialräumen zu ermöglichen.
Entscheidend für eine gelingende Zusammenarbeit sind auch abgesicherte Arbeitsstrukturen, die nicht nur auf persönlichen Beziehungen beruhen, sondern auch Personalwechsel überdauern. Die verschiedenen Erwartungen an die Fachabteilungen oder Referate können und sollten in diesem Rahmen ausgehandelt werden. Wird transparent, woran Erfolg jeweils gemessen wird und welche Handlungslogiken daraus folgen, können bessere Kompromisse gefunden werden. Dazu gehört auch, dass die Stadtentwicklung in ihrer fachlichen Diversität in den Blick genommen wird. „Die“ Stadtentwicklung gibt es ebenso wenig wie „den“ Bildungsbereich. 
Darüber hinaus betonten die teilnehmenden Kommunen, dass die sozialräumliche Ausrichtung des DKBM einer übergreifenden Koordinierung bedürfen, die die Entwicklung einer integrierten Strategie begleiten kann. Dies kann die Stadtentwicklung übernehmen. Langfristig, darüber waren sich die Teilnehmenden einig, braucht es jedoch eine breitere Organisationsentwicklung und neue Arbeitsformen in Verwaltung, auch über den Bildungs- und Stadtentwicklungsbereich hinaus. 
 

Impressionen der Veranstaltung

Elisabeth Ries, persönliche Mitarbeiterin des Oberbürgermeisters und Leiterin des Bildungsbüros der Stadt Nürnberg, begrüßte die teilnehmenden Kommunen in der Kulturwerkstatt Auf AEG. Wo einst Maschinen liefen und dann lange Leerstand herrschte, gibt es nun einen Ort für Kunst, Kultur und Veranstaltungen wie das Großstadtnetzwerk. 

Weitere Informationen zur Geschichte und zum Gebäude gibt es hier.

Das Gebäude der „Kulturwerkstatt Auf AEG“

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