Strategische Partnerschaften fürs lebenslange Lernen im datenbasierten kommunalen Bildungsmanagement

Hand schreibt auf Tisch
Dokumentation des Großstadtnetzwerks „Lebenslänglich? Die Volkshochschule im DKBM“

Art:

Ort:
Alte Parteischule
Werner-Seelenbinder- Straße 14
99096 Erfurt
Datum:
Mittwoch, 24. Oktober 2018 (Ganztägig) bis Donnerstag, 25. Oktober 2018 (Ganztägig)
Kontakt:

Dass Menschen lernen, ist ein Prozess, der nicht abrupt endet, sobald man einen Beruf ergriffen hat. Auch im Erwachsenenalter spielt Bildung eine zentrale Rolle, sowohl für die individuelle Persönlichkeitsentwicklung wie für die soziale und berufliche Weiterbildung. In institutionalisierter Form kann lebenslanges Lernen ein entscheidender Hebel dafür sein, gesellschaftliche Teilhabeprozesse aktiv zu gestalten. Die Volkshochschule mit ihren vielfältigen Angeboten von der Grundbildung über Sprach- und Gesundheitskurse bis hin zu qualifizierenden Fortbildungsangeboten ist dabei ein wichtiger Akteur in der kommunalen Bildungslandschaft. Volkshochschulen stellen Angebote für eine breite Zielgruppe zur Verfügung und agieren dabei häufig als Seismograf für thematische Trends und gesellschaftliche Entwicklungsbedarfe.

Besonders erfolgreich sind die entwickelten Ansätze in der Weiterbildung häufig dann, wenn die Angebote systematisch mit anderen Bildungsbereichen verzahnt werden. Im Rahmen des datenbasierten kommunalen Bildungsmanagements (DKBM) gibt es zahlreiche Anknüpfungspunkte, akteurs- und ressortübergreifenden Bildungspartnerschaften vor Ort zu etablieren. Dazu muss es jedoch gelingen, das DKBM und die Weiterbildung bzw. mit dem Weiterbildungsmanagement systematisch zu verzahnen, anstatt parallele Steuerungsstrukturen aufzubauen. Im Großstadtnetzwerk fragten wir daher, wie eine solche Zusammenarbeit gelingen kann. Wie können die Chancen und Potenziale der Volkshochschule im datenbasierten kommunalen Bildungsmanagement stärker als bisher genutzt werden?

Wo steht die Zusammenarbeit? Welche Entwicklungsperspektiven gibt es?

„Die VHS ist nicht nur das Ende der Bildungskette, sondern ein Partner im DKBM, der an vielen Stellen wirksam werden kann“, Dr. Susanne Kannenberg, Stadt Hannover, stellvertretende VHS-Leiterin und Bereichsleiterin VHS Chance

Zu Beginn des Großstadtnetzwerks schätzten die Teilnehmenden den aktuellen Stand der Zusammenarbeit von Volkshochschulen und kommunalem Bildungsmanagement ein und bewerteten das Entwicklungspotenzial.

Es zeigte sich, dass VHS und DKBM vielerorts bereits anlassbezogen miteinander verknüpft sind. Einige Teilnehmende konnten sogar von institutionalisierten Beziehungen berichten. Für die meisten hingegen stellt die systematische und strukturell abgesicherte Kooperation ein kommunales Entwicklungsfeld dar mit dem Ziel, das lebenslange Lernen vor Ort zu stärken und qualitativ weiterzuentwickeln.

Konkret wurden vier Anknüpfungspunkte identifiziert und über die zwei Tage hinweg mit den Teilnehmenden diskutiert:

  • Strategische Zielsetzung:
    Eine gemeinsame Zielstellung bildet die Grundlage für die Entwicklung übergreifender Arbeitsstrukturen und die Verzahnung von Angeboten, insbesondere an den Bildungsübergängen. Dabei gilt es, die gemeinsamen Entwicklungsperspektiven herauszuarbeiten, ohne die spezifischen Eigeninteressen aus dem Blick zu verlieren.

  • Strukturelle Einbindung:
    Um die Zusammenarbeit langfristig sicher zu stellen, braucht es institutionalisierte Kommunikations- und Entscheidungswege. Häufig gibt es hierfür im DKBM bereits etablierte Strukturen und Prozesse, die für das Weiterbildungsmanagement sinnvoll genutzt werden können.

  • Datenbasierung:
    Eine gute Datenbasis kann einerseits Aufschluss über mögliche Handlungsbedarfe geben und andererseits Erfolge, aber auch Lücken in der Angebotsgestaltung sichtbar machen. Daten liegen bereits in vielen Bereichen vor, sie müssen jedoch häufig erst identifiziert und systematisch miteinander verknüpft werden.

  • Kooperation:
    Der Weiterbildungsmarkt ist gekennzeichnet durch eine Vielzahl an unterschiedlichen Angeboten und Akteuren. Die Volkshochschulen können in die Zusammenarbeit mit dem DKBM häufig über die eigene Institution hinaus spezifische Netzwerkstrukturen einbringen, die langfristig den Handlungsspielraum im Feld der Weiterbildung insgesamt vergrößern können.

Im Dialog: Volkshochschule und datenbasiertes kommunale Bildungsmanagement

Stefan Dräger, Stadt Erfurt, Mitarbeiter im Kommunalen Bildungsmanagement
Dr. Susanne Kannenberg, Stadt Hannover, stellvertretende VHS-Leiterin und Bereichsleiterin VHS Chance

„Volkshochschulen fühlen sich der Stadtgesellschaft verpflichtet und setzen dort an, wo es um Chancengleichheit und Abbau von Benachteiligungen geht – ein langfristiges Ziel, das auch das datenbasierte kommunale Bildungsmanagement verfolgt“, Dr. Susanne Kannenberg

Voraussetzung für den Aufbau und die Weiterentwicklung der Zusammenarbeit zwischen Verantwortlichen von VHS und DKBM ist es, die Notwendigkeit zu erkennen und Potenziale zu identifizieren, die der Kooperation zugrunde liegen. Aus Perspektive der Volkshochschulen bietet das kommunale Bildungsmanagement insbesondere im Bereich der Datengewinnung und -analyse sowie als Schnittstelle zu verwaltungsinternen Akteuren etablierte Strukturen und Prozesse. Vor dem Hintergrund, dass Volkshochschulen stets Rechenschaft über die Notwendigkeit und Wirksamkeit ihrer Angebote ablegen müssen, ist dies eine Win-Win-Situation für beide Seiten. Denn die Volkshochschule kann eine fundierte Datenbasis für die interne Steuerung von Bildungsangeboten nutzen und damit ihr Programm bedarfsorientierter und noch anschlussfähiger an andere Bildungsbereiche gestalten.

„Das datenbasierte kommunale Bildungsmanagement kann als Scharnier fungieren zwischen der formalen und non-formalen Bildung sowie der gesamtstädtischen Verwaltung und dem Sozialraum“, so Stefan Dräger von der Stadt Erfurt.

Das DKBM hingegen gewinnt mit der Volkshochschule einen Weiterbildungsakteur, der die verwaltungsinterne Datenlage im Sinne des lebenslangen Lernens erweitert. Bildungsverläufe können somit stärker fokussiert und die Wirksamkeit von bestimmten Bildungsangeboten langfristiger beobachtet werden. Durch die eine engere Zusammenarbeit von VHS und Kommunalverwaltung gelingt es, die theoretische mit der handlungspraktischen Ebene einer kommunal gesteuerten Bildungslandschaft zu verknüpfen. Die agilen Strukturen der VHS erlauben es, innovative Angebote zu entwickeln, Angebotslücken zu schließen und darüber hinaus Angebote für die Qualifizierung von Fachkräften anzubieten. Ein weiteres Potenzial liegt außerdem in dem erweiterten Netzwerk an Weiterbildungsakteuren, dass die VHS miteinbringen kann – sowohl gesamtstädtisch als auch auf lokaler Ebene im Sozialraum.

Blick in die Praxis I: Gemeinsame strategische Zielsetzung und integrierte Arbeitsstrukturen mit der VHS in Hannover

Dr. Susanne Kannenberg, Stadt Hannover, stellvertretende VHS-Leiterin und Bereichsleiterin VHS Chance

„Wir müssen quer zur Linie denken und beraten und in der Linie Themen einspielen und umsetzen.“

In Hannover ist die Volkshochschule in kommunaler Trägerschaft und als eigenständiger Fachbereich im Bildungsdezernat verortet. Das datenbasierte kommunale Bildungsmanagement ist im selben Dezernat im Bildungsbüro des Fachbereiches Schule angesiedelt. Um im Sinne des lebenslangen Lernens bereichsübergreifend an Themen zu arbeiten, gründete die Landeshauptstadt Hannover die AG Bildung, Betreuung und Erziehung. Dieses Gremium ist fachbereichsübergreifend mit Akteuren aus dem frühkindlichen und schulischen Bereich sowie der Weiterbildung besetzt und bildet das strategische Dach des kommunalen Bildungsmanagements. Hier werden Themen und Fragestellungen identifiziert, diese mit Daten hinterlegt und gemeinsam Konzepte entwickelt, die dann durch die Fachbereichsleitungen in die operativ tätigen Arbeitsgruppen und einzelnen Fachbereiche getragen werden. Die Zusammenarbeit im Rahmen des DKBM ermöglichte der VHS in Hannover, das interne Qualitätsmanagement weiterzuentwickeln, da man auf eine breitere Datenbasis zurückgreifen kann. Fragen, wie beispielsweise die Erreichung relevanter Zielgruppen, lassen sich so neu in den Blick nehmen. Außerdem können Angebote durch die VHS stärker bereichsübergreifend und an der Bildungsbiografie ausgerichtet werden. Die anderen Fachbereiche profitieren ebenfalls von der erweiterten Datenbasis, der hohen fachlichen Expertise sowie der günstigen Preisgestaltung der VHS, wenn es darum geht, neue Angebote zu gestalten.

Blick in die Praxis II: Datenbasierung und Kooperationsansätze für und mit dem Weiterbildungsbereich in Wiesbaden

Theresa Nagy, Stadt Wiesbaden, Mitarbeiterin im Büro für Kommunale Bildungsprojekte

„Es geht uns darum, mit den Partnerinnen und Partnern ein gemeinsames Handlungsprogramm zu entwickeln, um langfristig Hemmschwellen für Geringqualifizierte im Weiterbildungsbereich abzubauen.“

Das datenbasierte kommunale Bildungsmanagement ist in der Landeshauptstadt Wiesbaden im Büro für Kommunale Bildungsprojekte im Amt für Soziale Arbeit verortet. Zentrale Aufgabe l ist es, Bildungsketten zu konzipieren und integrierte Planungsdaten hierfür bereitzustellen. Dabei stellt sich Wiesbaden aktuell die Frage, wie eine datenbasierte Steuerung im Weiterbildungsbereich gelingen kann, der durch eine heterogene Akteurslandschaft geprägt ist. Gemeinsam mit der Volkshochschule und weiteren Anbietern im Bereich der Erwachsenenbildung hat es sich das Bildungsbüro zur Aufgabe gemacht, ein stadtweites Weiterbildungsmonitoring aufzubauen.

Zukünftig soll das Monitoring einen besseren Überblick über die Angebote geben und Grundlage dafür sein, Qualifizierungspotenziale zu analysieren und zusätzliche Angebote zu entwickeln. Die Herausforderungen liegen darin, mögliche Steuerungsverfahren gemeinsam zu beschreiben, zu entwickeln und die dafür nutzbare Datenbasis über Organisationsgrenzen hinweg bereitzustellen. Um gemeinsam mit den Akteuren daran zu arbeiten, hat das Bildungsbüro zu einem „Runden Tisch“ eingeladen. Das kommunale Bildungsmanagement dient hierbei als Scharnier zwischen den verschiedenen Bereichen und das kommunale Bildungsbüro übernimmt im Weiterbildungsbereich die Rolle der Koordination.

Diskussion der Praxisbeispiele und gemeinsamer Handlungsfelder

Thematische Anknüpfungspunkte an die Inputs aus Hannover und Wiesbaden sahen die Teilnehmenden des Großstadtnetzwerks insbesondere bei der Gestaltung von Übergängen, der Entwicklung von innovativen Bildungsangeboten und dem Aufbau einer überinstitutionellen Bildungsberatung.

Besonders umfassend wurde das Potenzial der Datenbasierung diskutiert – als Legitimations- und Steuerungsgrundlage für die institutionelle, aber auch sozialräumliche und stadtweite Angebotsplanung. Wichtig sei dabei, die Eigenständigkeit der Volkshochschulen im DKBM zu erhalten und diese als Planungspartner zu betrachten, nicht als Dienstleistende von Angeboten.

Die transparente Kommunikation gemeinsam formulierter strategischer Ziele könne, so die Teilnehmenden dabei helfen, Oppositionen abzubauen und Verbündete für eigene Vorhaben zu finden. Allerdings muss dabei der Mehrwert für alle Seiten deutlich erkennbar sein.

Zur Gestaltung der strukturellen Zusammenarbeit zwischen VHS und Kommune sahen die Teilnehmenden als besonders zielführend, einen legitimierten Rahmen für den Austausch zu schaffen, beispielsweise in Form eines bereichsübergreifenden strategischen Gremiums.
Klare Spielregeln, transparente Kommunikation und eine Fehler- und Lernkultur sowie realistische Ziele seien außerdem Voraussetzungen dafür, dass sich langfristig eine vertrauensvolle Arbeitsbeziehung entwickeln und Konkurrenzdenken abgebaut werden kann.

Zudem ergebe sich der Handlungsrahmen für die Kooperation von Akteuren der VHS, des DKBM sowie weiteren Partner dadurch, welche Ressourcen jeweils eingebracht werden können. Grundlegend zu beachten, sei die Organisations- bzw. Rechtsform der jeweiligen VHS sowie die kommunale Bandbreite an weiteren (privaten) Weiterbildungsakteuren. Um weitere Kooperationspartner zu akquirieren, wurde auch auf die Bedeutung der Jobcenter und ihrer potentiellen Rolle in einem kommunalen Bildungsmanagement hingewiesen.

Kontrovers diskutiert wurde die Projektgebundenheit bzw. die Projektfinanzierung, die zum einen Unsicherheiten erzeuge und eine zunächst kurzfristige Perspektive mit sich bringe. Anderseits kann die zeitliche Befristung und Finanzierung von Maßnahmen auch einen Anschub, einen Anlass und einen Handlungsrahmen zur Zusammenarbeit bieten. Durch eine gelungene Einbindung in Strukturen und die Formulierung gemeinsamer strategischer Zielsetzung kann ein Projekt also dazu beitragen, dass sich eine Kooperation etabliert.

Stadtteilspaziergang zur Volkshochschule Erfurt

Stefan Dräger und Tina Schindler, Stadt Erfurt, Mitarbeitende im kommunalen Bildungsmanagement

Zum Abschluss des ersten Tages hatten die Teilnehmenden die Gelegenheit, einen Blick in die Räumlichkeiten und die Arbeit der Volkshochschule Erfurt zu werfen. Am Beispiel des Projektes „talentCAMPus“ berichtete Tina Schindler den Anwesenden, wie kommunales Bildungsmanagement und VHS-Angebote in Erfurt ineinandergreifen.

Weiterführende Links

Informationen zur Bildungsstadt Erfurt

Informationen zum Projekt talentCAMPus

Praxis trifft Wissenschaft: Entwicklungsperspektiven und Empfehlungen für die Zusammenarbeit von VHS und DKBM

Prof. Dr. Dieter Gnahs, Universität Duisburg-Essen, Institut für Berufs- und Weiterbildung, Fakultät für Bildungswissenschaften

Zum Abschluss des Großstadtnetzwerktreffens beleuchtete Professor Gnahs von der Universität Duisburg-Essen die Diskussionspunkte der beiden Tage aus wissenschaftlicher Perspektive und leitete Empfehlungen für die Weiterbildung im datenbasierten kommunalen Bildungsmanagement ab. Bei der gemeinsamen strategischen Zielsetzung empfahl er u.a., Ziele mit einem großen Wirkungsgrad anzustreben, um insbesondere zu Beginn Erfolge schnell sichtbar machen zu können. Denn um bestimmte Themen zu bearbeiten, müssen diese anschlussfähig sein und einen Mehrwert zur vorherigen Situation darstellen. Nur so ließen sich Partner langfristig von einer Zusammenarbeit überzeugen.

Um die strukturelle Einbindung der Kooperation über gemeinsame Ressourcen nachhaltig abzusichern, empfahl Gnahs, gemeinsame Projekte umzusetzen, z.B. eine Weiterbildungsdatenbank aufzubauen oder eine Weiterbildungsmesse zu organisieren.

Im Bereich der Datenbasierung lautete die klare Botschaft: Weniger ist mehr. Bevor eine unübersichtliche Bandbreite an Daten gesammelt wird, sollten Handlungs- und Steuerungsrelevanz der Aussagekraft und dem Aufwand der Erhebung und Analyse gegenübergestellt werden. Häufig ließen sich bereits bestehende Datenbestände, auch auf Landes- und Bundesebene, nutzen, um Trends für die kommunale Ebene darzustellen. Um Wirkmechanismen in der Weiterbildung adäquat erfassen zu können, sollten auch qualitative Daten in Form von Experteneinschätzungen der Fachkräfte vor Ort berücksichtigt werden.

Schließlich betonte Professor Gnahs, wie bedeutsam es sei, Symbole für die Kooperation zu verwenden, wie beispielsweise ein Logo, um eine gemeinsame Identität zu entwickeln.

Ansprechperson