KOMMUNE HÖRT ZU!kunft – Kinder- und Jugendbeteiligung strategisch verankern

Dokumentation des Großstadtnetzwerks

Art:

Ort:
Online-
Veranstaltung
via Microsoft Teams
Datum: 
Donnerstag, 4. November 2021 (ganztägig)
Kontakt:
Die Forderung nach mehr Beteiligung von Kindern und Jugendlichen im politischen Raum ist nicht neu und hat spätestens mit der Fridays for Future Bewegung ihren Weg in das öffentliche Bewusstsein gefunden. Teenager   beklagen die fehlende Teilhabe der jungen Generation an politischen Entscheidungsprozessen und eine mangelnde Repräsentation im politischen Raum (siehe u. a. Sinus Studie 2020). Hinzu kommt, dass einige Jugendliche empfänglicher sind für populistische und bedenkliche Positionen. Mitsprache und Teilhabe im politisch-gesellschaftlichen Handeln zu ermöglichen, ist somit mehr als eine Pflichtaufgabe – es ist eine Säule der Demokratiebildung und damit der demokratischen Verfasstheit der Gesellschaft. 
 
In Bezug auf Jugendbeteiligung kommt den Kommunen eine besondere Rolle zu. Denn gerade vor Ort, wo die Auswirkungen politischer und bürokratischer Entscheidungen unmittelbar spürbar sind, kann sich der demokratiebildende Charakter der Beteiligung besonders entfalten. Ein Blick in Großstädte zeigt ein heterogenes Bild der Beteiligung von Kindern und Jugendlichen. Zwar gibt es in allen Großstädten Formen der Beteiligung von Jugendlichen bei der Gestaltung von Bildungsorten. Allerdings fehlt es vielerorts nach wie vor an einem gesamtkommunalen Beteiligungsansatz, der über einzelne Projekte hinausgeht. Das kommunale Bildungsmanagement kann hier eine Schlüsselfunktion einnehmen, da es Erfahrungen bündeln und die Schnittstelle zwischen Verwaltung und Jugendlichen bilden kann. Beteiligung stellt darüber hinaus ein zentrales Element des Bildungsmanagements dar, in dem es die Qualität von Angeboten und Akzeptanz von Entscheidungen deutlich erhöhen kann.
 

Vortrag mit anschließender Diskussion

Die Jugend ernst nehmen, die Jugend beteiligen – Kommune und Jugend in Zukunft gemeinsam

Dr. Anna Grebe, medien.politik.partizipation

Als Einstieg in das Thema ging Frau Dr. Grebe der Frage nach, was eine Kommune leisten muss, um eine nachhaltige Kinder- und Jugendbeteiligung zu ermöglichen. Am Beginn eines erfolgreichen Beteiligungsprozesses sollte ein interner Klärungsprozess stehen, der Ziele und Möglichkeiten in den Fokus stellt. 

Bürger- und Jugendräte finden laut Fr. Dr. Grebe immer mehr Einzug in die kommunale Politik und werden als Bestreben für mehr Partizipation in politischen Prozessen wahrgenommen. Oftmals werden diese jedoch eingeführt, ohne die nötigen Voraussetzungen für gelungene Partizipation zu schaffen: Wer hat ein Interesse Beteiligung einzuführen? Was soll damit erreicht werden? Welche Rahmenbedingungen können dafür geschaffen werden? Wie soll mit den Inhalten der Beteiligung umgegangen werden? Diese und weitere Fragen sollten unter Beteiligung aller relevanter Akteure einer Kommune vergemeinschaftet werden. 
 
Für diese Zielfindung empfiehlt Frau Dr. Grebe das Lundy Modell der Jugendpartizipation (2007):
 
  • Space: Orte bereitstellen, an denen Kinder und Jugendliche ihre Perspektiven frei und sicher äußern können.
  • Voice: Altersgerechte Informationen bereitstellen und ermöglichen, dass Kinder und Jugendliche ihre Sichtweisen äußern können.
  • Audience: Dafür sorgen, dass die Sichtweisen junger Menschen an den richtigen und verantwortlichen Stellen gehört und kommuniziert werden.
  • Influence: Sicherstellen, dass die Sichtweisen junger Menschen ernstgenommen werden und nach ihnen gehandelt wird.

Es gibt nicht ‘die Jugendlichen’. Den verantwortlichen Akteuren in Politik und Verwaltung muss klar sein was die Jugendlichen vor Ort wollen.

Dr. Anna Grebe
Neben dem verwaltungsinternen Klärungsprozess ist außerdem das Wissen über die Zielgruppe eine erfolgskritische Voraussetzung. Fr. Dr. Grebe berichtet von der Erfahrung, dass viele Akteur:innen Rückschlüsse aus der eigenen Kindheit und Jugend oder den eigenen Kindern ziehen und auf die Gesamtgruppe der Jugendlichen übertragen.   Durch diese Form des Adultismus entstünden oft falsche Vorannahmen, die gelungener Partizipation entgegenstehen. 
 
Aus der eigenen Beratungserfahrung heraus verweist Fr. Dr. Grebe auf fünf Dimensionen, die das Verhältnis von kommunaler Verwaltung, Politik und Jugendlichen gewinnbringend beeinflussen können:
 
  1. Haltung und Wissen
  2. Offenheit und Fehlerkultur
  3. Kreativität und Mut
  4. Professionalität und Fachlichkeit
  5. Transparenz und Kommunikationsfreude
Weitere Details zu den genannten Faktoren finden Sie im unten verlinkten Handout von Dr. Grebe. Als abschließendes Fazit betonte Fr. Dr. Grebe:

Es gibt nicht die eine Lösung, genau so wenig, wie es die eine Jugend gibt. Es gibt keine Patentrezepte. Jugendbeteiligung muss gemacht und ausprobiert werden.

Dr. Anna Grebe
Es braucht vor allem Zeit, um einen Partizipationsprozess angemessen einzuführen und zu implementieren. Vom ersten Schritt bis zu konkreten Ergebnissen braucht es der Erfahrung nach bis zu fünf Jahre. Angemessene Rahmenbedingungen und klare Zielvorstellungen sind der Grundstein für erfolgreiche Partizipation.
 
Im Anschluss an den Vortrag diskutierten die Teilnehmer:innen über Erfahrungen und Herausforderungen in der kommunalen Praxis, u.a. über den internen Gestaltungsprozess in den Kommunen, ressortübergreifende Zusammenarbeit und die fachliche Qualifikation.
 

Zur Person

Dr. Anna Grebe hat u.a. für die Hertie-Stiftung, im Programm „Jugend entscheidet“, gearbeitet. Sie ist heute tätig als Grundsatzreferentin für die Bundesarbeitsgemeinschaft Katholische Jugendsozialarbeit und arbeitet darüber hinaus als Speakerin und Strategiebera-terin in den Themenfeldern Medien, Politik & Partizipation. Frau Dr. Grebe berichtete aus ihrer langjährigen Erfahrung in der Beratung und Begleitung von kommunalen Partizipationsvorhaben.

Blick in die Praxis 

Partizipation nachhaltig in der Kommune gestalten – Der Weg zum kommunalen Rahmenkonzept zu Jugendbeteiligung der Stadt Augsburg

Johanna Büchl, Jugendhilfeplanerin, und Klaus Maciol, ganzheitliche Bildungsplanung, Stadt Augsburg

Die Stadt Augsburg hat sich in einem umfassenden Prozess auf den Weg gemacht ein kommunales Rahmenkonzept zur Beteiligung junger Menschen zu erarbeiteten. Als Vorbild diente der Prozess der kommunalen Kinder- und Jugendstrategie der Stadt Wien. Ein wichtiger Teil des Augsburger Konzepts ist eine verwaltungsweite Einigung auf ein gemeinsames Partizipationsverständnis. Zum anderen klärt das Konzept die strukturelle und organisatorische Verankerung des Themas innerhalb der Verwaltung sowie deren Partner:innen. Von vornherein wurde großer Wert auf die enge Beteiligung wichtiger Akteur:innen innerhalb und außerhalb der Verwaltung geachtet. Ein wichtiger Meilenstein dieses Prozesses war beispielsweise ein verwaltungsinterner Workshop mit 55 Teilnehmenden aus allen Ressorts. Hier wurden zunächst die jeweiligen Anlässe bzw. Projekte mit Jugendbeteiligung zusammengetragen. Das Ergebnis von rund 80 Projekten überraschte dabei die meisten Beteiligten und gab der weiteren Entwicklung des Rahmenkonzepts einen wichtigen Schub. Bereits seit der frühen Anbahnungsphase werden immer wieder Jugendliche in den Prozess einbezogen und Meinungen sowie Wünsche abgeholt. Eine kontroverse Diskussion wurde so beispielweise über das Für und Wider eines institutionalisierten Jugendparlaments geführt. Mit der Entscheidung, eine offene Form der Jugendbeteiligung zu wählen. 
 
Organisatorisch spielen die städtischen Sozialregionen eine entscheidende Rolle, um Fragestellungen möglichst nah am Wohnumfeld der jungen Menschen zu diskutieren. Dazu werden vor Ort Partizipationsmanager:innen eingesetzt. Themen, die über die Sozialregion hinausgehen, werden in ein stadtweites Jugendforum eingebracht. Durch die Einbindung aller relevanten Fachstellen, eine stärkere ämterübergreifende Vernetzung sowie durch neu zu entstehende Gremien sollen alle Akteur:innen gut zusammenwirken können. Interessant in diesem Beispiel ist auch die starke Involvierung des Bildungsmanagements, welches eng mit der Jugendhilfeplanung diesen Prozess gestaltet. Das Bildungsmonitoring bietet darüber hinaus die Grundlage, um entsprechend den Voraussetzungen in den Sozialregionen, Jugendbeteiligungsprozesse anzugehen. 
 

Eine Stadt muss sich das Vertrauen der jungen Menschen in Bezug auf Beteiligung auch erarbeiten.

Klaus Maciol

Blick in den Methodenkoffer

Digitale Jugendbeteiligung. Chancen, Herausforderungen und erste Schritte

Stefan Schönwetter, Deutsche Kinder- und Jugendstiftung 

In einem einführenden Impuls gab Stefan Schönwetter einen Einblick in die Möglichkeiten der digitalen Jugendbeteiligung. Er machte deutlich, dass zu Beginn eines digitalen Partizipationsprozesses drei zentrale Schritte stehen: 
 
  1. Eine Bedarfsanalyse vor Ort, um die passenden Ansatzpunkte und Werkzeuge für einen Beteiligungsprozess zu wählen. 
  2. Eine Qualifizierung der Fachkräfte, um eine entsprechende Qualität in der Beteiligung zu erreichen. 
  3. Sowie die Erarbeitung bzw. Beschaffung geeigneter Plattformen digitalisierter Jugendbeteiligung. 
Stefan Schönwetter bezog sich in seinen Ausführungen auf die Erkenntnisse aus jugend.beteiligen.jetzt, einem Projekt der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung, gefördert vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Bis Ende 2020 wurden wirksame Methoden, Werkzeuge, Wissen und gute Beispiele zusammengetragen und für die interessierte Öffentlichkeit aufbereitet. Daraus entstand neben einem Qualifizierungsnetzwerk mit 25 Pädagoginnen und Pädagogen auch ein Fortbildungscurriculum. Mitglieder des Netzwerks stehen in allen Bundesländern bereit, um kommunalen Mitarbeiter:innen und (politischen) Entscheidungsträger:innen die Idee und den Mehrwert von digitaler Jugendbeteiligung näher zu bringen (eine Kontaktliste findet sich in der verlinkten Präsentation). Eine wichtige Ressource für diese Arbeit sind die acht Module des Fortbildungscurriculums, welche gemeinsam mit einem Netzwerk-Mitglied oder in Eigenregie durchgearbeitet werden können. Alle Lerninhalte sind online abrufbar. Ziel ist es, kommunalen Mitarbeiter:innen das Wissen und Werkzeug an die Hand zu geben, um digitale Partizipationsprozesse nachhaltig in der Kommune zu stärken. Diese und viele weitere Informationen finden sich auf der Webseite des Programms. 
 

Die digitale Jugendbeteiligung ist kein Ersatz für analoge Formen der Partizipation. Es ist aber eine gute und oftmals notwendige Ergänzung, welche die Lebensrealität vieler Jugendlicher ernst nimmt.

Stefan Schönwetter

Podcast-Tipp

Der Kommunen-Podcast begibt sich auf Spurensuche nach der Kommune der Zukunft. Demokratische Teilhabe, agile Prozesse und integrierte Planung, digitale Verwaltung, umweltfreundliche Stadtentwicklung und krisensichere Abläufe gehören zu den Zielen vieler Städte und Gemeinden in Deutschland. Wie gelingt echte Beteiligung? Welche Formate sind sinnvoll? Wo hört Scheinbeteiligung auf und wo fängt echte Beteiligung an? Und wann sollte man aufhören über Formate nachzudenken, um das Ziel nicht aus den Augen zu verlieren? Über all diese Fragen geht es in dieser Folge des „Kommunen-Podcast“ von Kommune 360 Grad. Zum Podcast gehts hier entlang.

Kommunen hören zu. Kommunen gehen neue Wege.   

Die Vorträge und Diskussionen des Tages zeigten, dass Partizipationsprozesse von Kindern und Jugendlichen in den Großstädten keine Schaufensterprojekte mehr sein können. Es bedarf eines echten Commitments in Politik und Verwaltung sowie ausreichend Knowhow, damit Beteiligung nachhaltig gelingt. Insgesamt zogen sich drei wichtige Aspekte durch die inhaltliche Auseinandersetzung dieses Großstadtnetzwerks. Beteiligung ist ein Lernprozess für alle involvierten Akteur:innen. Dementsprechend bedarf es gerade in der Verwaltung einer Haltung, die Offenheit zulässt und eine Fehlerkultur unterstützt. Kinder- und Jugendbeteiligung kann und muss daher einen Entwicklungsprozess in Gang setzen, der diese Grundhaltungen ressortübergreifend etabliert und sich idealerweise durch alle Ebenen der Verwaltung zieht. Insbesondere wenn Beteiligung nachhaltig innerhalb der Kommune etabliert werden soll, bedarf es einer entsprechenden Struktur, die alle Akteur:innen umfassend einbezieht. Letztendlich kann Beteiligung so auch ein Innovationsschub für Kommunen bedeuten, wenn eine ermöglichende Haltung, eine unterstützende Struktur und methodische Expertise aufgebaut und gepflegt werden. 
 

Das Großstadtnetzwerk der Transferagentur für Großstädte

Das Großstadtnetzwerk der Transferagentur für Großstädte ist ein bundesweites Netzwerk von Kommunen, die ein datenbasiertes kommunales Bildungsmanagement aufbauen und weiterentwickeln, um für aktuelle Herausforderungen im Bildungsbereich ressortübergreifende Lösungen zu erarbeiten. Die Treffen fördern den städteübergreifenden Praxis- und Erfahrungsaustausch und bieten die Zeit sowie einen vertraulichen Rahmen für kollegialen Austausch und Vernetzung. Zudem bietet es ein Forum, um Einblicke in gute Praxis vor Ort zu erhalten und Zukunftsthemen für das DKBM zu diskutieren. Ein Einstieg ins Großstadtnetzwerk ist jederzeit möglich. 
Ansprechperson