"Lokales Bildungsmanagement"

Fahrradfahrerin Fachgruppe Lokales Bildungsmanagement
Lokale Bildungsverbünde in das kommunale Bildungsmanagement einbinden

Art:

Ort:
Haus der Katholischen Kirche Stuttgart
Königstraße 7
70173 Stuttgart
Datum:
Mittwoch, 27. April 2016 - 13:00 bis Donnerstag, 28. April 2016 - 14:45

Um gelingende Bildungsbiografien vor Ort zu gestalten, fördern immer mehr Kommunen die Zusammenarbeit von Akteuren in Stadtteilen, etwa in Bildungsverbünden oder -netzwerken. Damit die Kooperation zwischen Kitas, Schulen, der Jugendarbeit, der kulturellen Bildung und weiteren außerschulischen Akteuren jedoch wirksam wird, muss die lokale Ebene verlässlich in ein kommunales Bildungsmanagement eingebunden sein. Auf dem Weg dahin steht Verwaltung aber vor Herausforderungen:

  • Wie lassen sich Doppelstrukturen im Sozialraum vermeiden?
  • Wie schafft man verbindliche Strukturen zum Austausch zwischen lokaler und kommunaler Ebene?
  • Und wie können lokale Anliegen auch innerhalb der Verwaltung weitergetragen und politisch bedeutsam gemacht werden?

An diesen Fragen arbeiteten Vertreterinnen und Vertreter aus neun bundesdeutschen Großstädten, aus der Schweiz, von der Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Wissenschaft Berlin sowie vom Regionalverband Ruhr während des zweiten Treffens der Fachgruppe „Lokales Bildungsmanagement“ im Großstadtnetzwerk der Transferagenturen in Stuttgart. Anhand von Praxisbeispielen aus Freiburg, Stuttgart und Hamburg wurden Potenziale und Herausforderungen bei der Umsetzung eines lokalen Bildungsmanagements diskutiert. Die Teilnehmenden reflektierten ihre eigenen kommunalen Vorhaben und berieten mögliche Ansatzpunkte und nächste Schritte.
 

Was braucht ein erfolgreiches lokales Bildungsmanagement?

Ein Grußwort aus Stuttgart

Zur Begrüßung skizzierte Gari Pavkovic, Leiter der Abteilung Integration, die Arbeit der Stadt Stuttgart beim Aufbau lokaler Strukturen in guter Anbindung an die Gesamtstadt – mit der Zielvision eines „Bildungsgerechten Stuttgarts“.

Ausgehend von vier Modellverbünden auf Stadtbezirksebene soll eine gesamtstädtische Struktur entstehen, die bestehende Angebote besser verzahnt. Die Modellverbünde werden durch das gesamtstädtische Bildungsmanagement sowie durch das Baden-Württembergische Landesprogramm „Bildungsregionen“ begleitet.

Die Vision: Lokal denken – kommunal verorten

Im Anschluss diskutierte Lutz Liffers, Leiter der Transferagentur für Großstädte Hamburg/
Bremen
, Gelingens- und Entwicklungsbedingungen eines lokalen Bildungsmanagements.

Angesichts einer zunehmenden Komplexität vor Ort und einer „super diversen“ Gesellschaft, steigen die Ansprüche an Bildung. Lokale Bildungslandschaften sollen und müssen diesen Bedarfen begegnen – dafür braucht es aber nicht nur vor Ort, sondern auch auf kommunaler Ebene ein abgestimmtes Vorgehen.

Die wichtigsten Fakten zusammengefasst:

  • Oft entstehen Bildungslandschaften als Reaktion auf lokale Bedarfe entlang konkreter Problemlagen, haben kein explizites Netzwerkmanagement und agieren ohne ein Monitoring zur Bestimmung und Überprüfung von Zielen. In der Praxis führt dies zu Parallelstrukturen, fehlender Transparenz und einer Zufälligkeit von Qualität.
  • Werden lokale Bildungsnetzwerke aber durch ein explizites Netzwerkmanagement unterstützt und im kommunalen Bildungsmanagement verankert, ergeben sich neue Möglichkeiten. Unterschiedliche Bundes-, Landes- und Kommunalprogramme im Sozialraum können zu einem integrierten Gesamtansatz verknüpft werden. Kommunale Fachplanungen können von der lokalen Expertise profitieren. Gemeinsame Ziele und innovative Konzepte können bedarfsorientiert entwickelt und für die Gesamtstadt nutzbar gemacht werden.
  • Damit dies gelingt, müssen lokale Strukturen und ihre kommunale Anbindungen qualitativ weiterentwickelt werden. Die Transferagenturen für Großstädte haben zur Analyse der kommunalen Ausgangssituation und zur Bestimmung möglicher nächster Schritte einen Kompass entwickelt, der hier Orientierung geben soll.

Der Blick in die Praxis: Lokale Bildungsverbünde in einem kommunalen Bildungsmanagement? Von kommunalen Ansatzpunkten und Baustellen

Welche Erfahrung gibt es bereits in der Praxis zur Einbettung lokaler Strukturen in ein kommunales Bildungsmanagement? Wo sind Baustellen und Stolpersteine? Zur Beantwortung dieser Fragen stellten drei Kommunen ihre Praxisbeispiele vor:
 

Freiburg: Modellverbünde zur durchgängigen Sprachbildung

Hartmut Allgaier, Leitung der Stabstelle Freiburger Bildungsmanagement

Das Thema der durchgängigen Sprachbildung ist in Freiburg durch Ergebnisse des Bildungsmonitorings klar gesetzt, politisch mandatiert und wird sozialräumlich in zwei Modellverbünden umgesetzt. Die Maßnahmen auf der lokalen Ebene werden durch die Stabstelle „Freiburger Bildungsmanagement“ begleitet und sind hier gut in das kommunale Bildungsmanagement und an gesamtstädtische Prozesse angebunden.
 

Zentrale Erkenntnisse:

  • Strategische Zielsetzung durch ein datenbasiertes kommunales Bildungsmanagement: Ein lokales Bildungsmanagement braucht inhaltliche Ziele. Dadurch gewinnen Strukturen an Akzeptanz und Bedeutung – sowohl vor Ort als auch bei den politischen Entscheiderinnen und Entscheidern. Hier kann ein Bildungsbericht helfen, der Handlungsnotwendigkeiten datenbasiert aufzeigt und verdeutlicht: „Da muss gehandelt werden“, erklärt Hartmut Allgaier.
  • Akzeptanzmanagement: Ein aktives Zugehen der Verwaltung auf lokale Akteure und bestehende Gremien hat sich bewährt – die Stadt wird als „Kümmerer“ wahrgenommen, der Verantwortung für ein relevantes Thema übernimmt.
  • Verwaltung schafft Überblick und Synergien: Werden bestehende lokale Strukturen genutzt, lassen sich Doppelstrukturen vermeiden. „Wir stellen immer wieder fest: Es existiert ganz viel vor Ort, aber oftmals ist es nicht aufeinander abgestimmt. Dafür braucht es uns!“, resümiert Allgaier.

Stuttgart: Sozialraumorientierte Schulsozialarbeit

Dr. Carola Flad, Jugendhilfeplanung Stuttgart

Das Stuttgarter Modell zeigt, dass Strukturen zur lokalen Koordinierung auch aus fachlichen Entwicklungen entstehen können, die zunächst nicht auf die Etablierung eines lokalen Bildungsmanagements abzielten. Das Modell der „Sozialraumorientierten Schulsozialarbeit“ dient als Scharnier zwischen Schule und Schulquartier. Dazu wird die Schulsozialarbeit in konsequenter Personalverbindung in den Sozialraum und sozialräumliche Teams eingebunden, oft mit kombinierten Stellenanteilen. Das Modell wird über das Jugendamt in engem Dialog mit den Trägern gesteuert. Zudem werden momentan Austauschrunden auf bezirklicher Ebene entwickelt. Eine Querverbindung zum Lenkungskreis des kommunalen Bildungsmanagements gibt es bisher nicht.
 

Zentrale Erkenntnisse:

  • Programme für den Sozialraum bündeln: Die Anknüpfung neuer Programme an die Schulsozialarbeit hilft, Doppelstrukturen zu vermeiden und Ressourcen zu bündeln. Dazu gehört auch, dass die Stadt mit festen Trägern zusammenarbeitet, die in den Sozialräumen durch langjährige Arbeit gut verankert sind.
  • Verwaltung profitiert vom Austausch mit der lokalen Ebene: Das Modell ermöglicht es Verwaltung, auch durch die geplanten bezirklichen Austauschrunden, Bedarfe, Probleme und fehlende Schnittstellen schneller zu erfassen und aufzugreifen. Zugleich bietet sich hier ein Forum, um verwaltungsinterne Anliegen an die Praxis weiterzugeben.
  • Qualitätsentwicklung zwischen Verwaltung, Trägern und lokaler Ebene: In Arbeitsgruppen wird gemeinsam gearbeitet – auch an Fragen der Qualität: Wie soll Schulsozialarbeit in Stuttgart qualitativ aussehen? Was soll erreicht werden? Wichtige Themen, wie etwa die Vermittlung von Jugendlichen mit Fluchterfahrung in die Jugendhilfestruktur, können so aus der Praxis in die Verwaltung hineingetragen werden.

Hamburg: Regionale Bildungskonferenzen

Dr. Hans-Peter de Lorent, Abteilungsleiter a.D. Steuerung und Koordination regionaler Bildungsentwicklung, Stadt Hamburg

Die Entwicklung der Regionalen Bildungskonferenzen (RBK) zielt darauf ab, die Bildungsangebote auf lokaler Ebene im Sinne eines lokalen Bildungsmanagements zu verbessern. Es ist eine Struktur entstanden, um die Kooperation zwischen Bildungseinrichtungen zu initiieren, zu stärken und weiterzuentwickeln. Zudem entstehen durch die Struktur feste Kommunikationswege zwischen Stadtteilen, Bezirken und der Gesamtstadt. Empfehlungen zur Optimierung der Bildungsarbeit vor Ort werden an Bezirksämter und Fachbehörden weitergeleitet und verbindlich beantwortet. Die Regionalen Bildungskonferenzen werden auf bezirklicher Ebene durch die RBK-Geschäftsstellen sowie die bezirklichen Bildungskoordinatoren unterstützt.
 

Zentrale Erkenntnisse:

  • Ressortübergreifende Zusammenarbeit begleiten und fördern: Die RBK fördern den Informationsfluss zwischen den Ressorts Jugend und Schule als auch zwischen Sozialraum, Bezirk und Senatsebene. Dabei ist ein kollegiales Miteinander entstanden. Dr. Hans-Peter de Lorent erklärt: „Das ist einer der größten Erfolge!“ Damit dies gelingt, muss der Prozess aber begleitet und gefördert werden. Diese Aufgabe wurde in Hamburg auf Senatsebene aktiv wahrgenommen – und zwar als Begleitung und nicht als schematische Steuerung.
  • Echte Beteiligung ermöglichen: In Hamburg sind die Entscheiderinnen und Entscheider fester Bestandteil der RBK; zudem ist mit dem Instrument der Empfehlungen ein Weg etabliert, über den Anfragen an die nächst höhere Ebene formuliert werden können. Die beteiligten Behörden verpflichten sich diese zeitnah zu beantworten. Mit solchen Kompetenzen ausgestattet, wird für die Akteure vor Ort deutlich, warum sich eine Beteiligung an den RBK lohnt!
  • Themenoffene Strukturen bewähren sich: Die Fragen, wie sich Bildungsangebote vor Ort für ankommende Kinder und Jugendliche mit Fluchtgeschichte öffnen können, ist in allen RBKs bearbeitet worden. Dies zeigt, dass die Struktur eine gute Grundlage bietet, um neuen Herausforderungen vor Ort zu begegnen. Die Rückmeldung aus den Bezirken war: „Wenn wir die Regionalen Bildungskonferenzen nicht schon hätten, bräuchten wir sie jetzt!“ Dies sorgt auch für stetige politische Unterstützung.


 

Stadtteilspaziergang durch den Bildungsverbund Stuttgart Nord

Nach der Diskussion ging es für die Gruppe geführt durch die Abteilung Stuttgarter Bildungspartnerschaft in den Bildungsverbund Stuttgart Nord.

Zwei Stationen wurden dabei näher in den Blick genommen: die Prag Grundschule, die sich bereits zum Quartier geöffnet hat und verlässlicher Partner im Bildungsverbund ist, sowie das Internationale Stadtteilzentrum Haus 49, eine Anlaufstelle für Familien sowie  Bewohnerinnen und Bewohner aus dem Stadtteil mit integrativen Bildungs- u. Beratungsangeboten für Kinder, Jugendliche und Erwachsene. Sowohl in der Prag Schule also auch im Haus 49 Internationales Stadtteilzentrum hatten die Teilnehmenden Gelegenheit, mit den Akteuren vor Ort zu diskutieren, wie sie von der Zusammenarbeit in einem Bildungsverbund und durch die Begleitung des Netzwerkes durch die Abteilung Stuttgarter Bildungspartnerschaft profitiert habe. Der Spaziergang endete an einem architektonisch ganz besonderen Bildungsort: Der Stadtbibliothek Stuttgart am Mailänder Platz.


 

Lokale Bildungsverbünde weiterentwickeln: Die kommunalen Anliegen im Fokus

Im Zentrum des zweiten Tages standen die konkreten Anliegen, Entwicklungsvorhaben und Fragestellungen der anwesenden Städte und Berliner Bezirke.

Dabei wurden mögliche nächste Schritte zur Weiterentwicklung des lokalen Bildungsmanagements auf Grundlage des „Kompass Lokales Bildungsmanagement“ sowie mit der Methode der kollegialen Beratung erarbeitet.

Lokale Ebene

  • Auf lokaler Ebene die Räume bewusst wählen, um Beteiligung zu sichern
  • Zur besseren Zusammenarbeit in den lokalen Verbünden feste Vertreterinnen und Vertreter benennen
  • Austausch mit Meinungsmacherinnen und -meinungsmachern im Bezirk – Think Tank – „nicht ausschließlich die üblichen Verdächtigen einbeziehen“
  • Vernetzung der Schulen und ihre Kooperationspartner bedenken
     

Fazit und Ausblick auf die nächste Fachgruppe

Bei der Gestaltung und Weiterentwicklung lokaler Bildungsverbünde und -netzwerke, die gut an das kommunale Bildungsmanagement angebunden sind, hilft der „Kompass Lokales Bildungsmanagement“.

Verschiedene Dimensionen sollten dabei in den Blick genommen werden:

  • Strategische Zielsetzung: Wie werden die Ziele der Bildungsverbünde entwickelt?
  • Datenbasierung: Welche quantitativen und qualitativen Daten werden zugrunde gelegt?
  • Interne Kooperation in Verwaltung: Wie ist die Zusammenarbeit der Ämter organisiert?
  • Externe Kooperation der Verwaltung mit Bildungsverbünden: Wie koordiniert, moderiert und unterstützt die Verwaltung Prozesse in lokalen Bildungsverbünden?
  • Steuerung und Koordinierung der Verbünde vor Ort: Wie kann ein professionelles Netzwerkmanagement vor Ort umgesetzt werden?
  • Qualitätsmanagement: Wie wird die Qualität der Kooperationen vor Ort entwickelt und gesichert?
So geht es weiter

Das nächste Treffen der Fachgruppe „Lokales Bildungsmanagement“ wird im November 2016 zusammen mit der Fachgruppe „Bildung und Stadtentwicklung“ in Berlin stattfinden. Bearbeitet wird die Frage nach den Potenzialen einer systematischen Zusammenarbeit zwischen Stadtentwicklung und lokalen Bildungslandschaften.

Ansprechperson