2. Kapitel - Interview München

„Wirkungsorientierte Steuerung ist die logische Konsequenz, die aus dem datenbasierten kommunalen Bildungsmanagement folgt“.

Interview mit Anita Henselmann und Florian Bäuerle, Referat für Bildung und Sport der Landeshauptstadt München, Stabsstelle Kommunales Bildungsmanagement im Pädagogischen Institut – Zentrum für Kommunales Bildungsmanagement

Was haben in München wirkungsorientierte Steuerung und datenbasiertes kommunales Bildungsmanagement (DKBM) miteinander zu tun?

 
Anita Henselmann: Bei uns in München ist die wirkungsorientierte Steuerung ganz eng mit dem kommunalen Bildungsmanagement verknüpft: Ich würde sagen, wirkungsorientierte Steuerung ist die logische Konsequenz, die aus dem DKBM-Ansatz folgt. Für mich als Bildungsmanagerin ist eine solide Datenbasis Grundlage jeglichen Handelns, wenn man den Ansatz eines kommunalen Bildungsmanagements ernst nimmt. Die Monitoring-Daten haben uns gezeigt, dass wir auch in München aktiv werden müssen, um Bildungsungleichheiten entgegenzuwirken. Als „Lernen-vor-Ort“-Kommune konnten wir dank der Bundesförderung vieles anstoßen und umsetzen, wie zum Beispiel die Münchner Förderformel für Kindertageseinrichtungen oder die Eröffnung von BildungsLokalen in weniger privilegierten Stadtteilen für ein quartiersbezogenes Bildungsmanagement. Das alles sind freiwillige Leistungen, die weit über die gesetzlichen Verpflichtungen hinausgehen, und dafür nimmt München jährlich viel Geld in die Hand. Daher rückt die Frage nach der Wirksamkeit dieser Maßnahmen in den Fokus. Wir dürfen uns nicht damit begnügen, nur das Bildungsbudget zu erhöhen.
 
Florian Bäuerle: Und genau deswegen arbeiten wir daran, ein System für die wirkungsorientierte Steuerung aufzubauen. Meine Kollegin und ich beschäftigen uns dabei schwerpunktmäßig mit der Bedarfsorientierten Budgetierung, das ist sozusagen die Fortführung der Münchner Förderformel bei Schulen. Bei der Einführung von neuen Fördermaßnahmen legen wir Wert darauf, dass die Implementierungsphase durch externe Experten wissenschaftlich begleitet wird. Im Moment arbeiten wir beispielsweise mit Prof. Dr. Dieter Euler von der Universität St. Gallen bei der Umsetzung der Bedarfsorientierten Budgetierung an unseren städtischen Berufsschulen zusammen. Die Erkenntnisse aus den wissenschaftlichen Begleitstudien nutzen wir gezielt für interne Steuerungszwecke, um die Fördermaßnahmen wirksam zu optimieren.
 

Welche Auswirkungen hatte die Einführung einer wirkungsorientierten Steuerung auf das kommunale Bildungsmanagement in München?

 
Anita Henselmann: Die wirkungsorientierte Steuerung hat unseren Blick auf die einzelnen Prozessschritte geschärft, die Formulierung einer Programmtheorie erweist sich als hilfreiche konzeptionelle Basis. Da war die Transferagentur für Großstädte ein entscheidender Impulsgeber. Dieses Instrument unterstützt uns dabei, sowohl der Referatsleitung als auch der Politik gegen- über zu erläutern, warum sich Wirkungen grundsätzlich nicht sofort nach der Implementierung von Fördermaßnahmen abbilden lassen. Dafür müssen zuerst alle Prozessschritte optimiert sein. Glücklicherweise stellten wir fest, dass unser Ansatz, mit der Optimierung des Inputs zu beginnen, genau der richtige war. Nun sind wir dabei, die Umsetzung der Fördermaßnahmen stärker zu begleiten und gemeinsam mit den tangierten Bildungsakteuren Qualitätsstandards festzulegen sowie Wirkindikatoren und Kennzahlen für ein fortlaufendes Qualitätsmanagement zu identifizieren.
 
Florian Bäuerle: Es wird in Bildung investiert, also müssten sich die beabsichtigten Wirkungen doch quasi automatisch einstellen – das ist ein nachvollziehbarer Impuls. Die Logik einer wirkungsorientierten Steuerung diszipliniert jedoch dazu, die Komplexität von Wirkmechanismen besser zu verstehen, die eigenen Aktivitäten konsequent zu hinterfragen und vor dem Hintergrund der Wirkungsorientierung zu systematisieren. Da sind wir in den letzten beiden Jahren einen großen Schritt vorangekommen: Viele Einzelaktivitäten waren wirkungsorientiert ausgelegt, zum Beispiel die transparente Vergabe der Budgetmittel nach Sozialindex. Das reicht aber nicht aus. Wir müssen die Schulen bei der Umsetzung begleiten. Dazu braucht es definierte Standards und einen strukturierten Rahmen für den Erfahrungs- und Wissenstransfer. Wir werden noch stärker auf die Vernetzung der Akteure in der städtischen Verwaltung setzen, gerade auch, wenn es darum geht, Budgettöpfe verschiedener Referate miteinander zu verzahnen, beispielsweise im Kontext des Erweiterten Sachaufwands für staatliche Grund- und Mittelschulen mit besonderen Belastungen. Dazu können wir auf bereits etablierte Gremienstrukturen aufbauen, müssen diese aber zum Teil erweitern. Mittlerweile gibt es mehr als ein halbes Dutzend Stadtratsbeschlüsse zur Bedarfsorientierten Budgetierung in Federführung unterschiedlicher Geschäftsbereiche. Hier braucht es eine gezielte Abstimmung und Systematisierung der Vorgehensweisen mit „sinnvollen Redundanzen“.
 
Anita Henselmann: Bislang liegt unser Fokus auf der Maßnahmenebene und den Schnittstellen innerhalb der Kommunalverwaltung. Als Stabsstelle Kommunales Bildungsmanagement müssen wir natürlich auch im Team eine einheitliche Grundlage für unsere Vorgehensweise schaffen. Dazu haben wir interne Arbeitsgruppen eingerichtet. Mit verwaltungsexternen Bildungsakteuren existiert über das Münchner Bildungsnetzwerk ein Austausch und wir arbeiten an gemeinsamen Projekten, aktuell zum Beispiel am Kooperationsprojekt „Chance Ganztag“. In diesem Projekt sind – neben dem Bildungsnetzwerk München – der Münchner Lehrer- und Lehrerinnenverband e. V., das Kultusministerium, das Staatsinstitut für Schulqualität und Bildungsforschung und das Staatliche Schulamt eingebunden. „Chance Ganztag“ ist eine Internetplattform, die Schulen rund um das Thema Ganztag unterstützen und auch für Anbieter und Förderer interessant sein soll. In die wirkungsorientierte Steuerung ist die Zivilgesellschaft aber noch
nicht gezielt eingebunden.
 

Inwiefern eignet sich das DKBM in München, um im Bildungsbereich wirkungsorientiert zu steuern?

 
Florian Bäuerle: Eine Herausforderung bei der wirkungsorientierten Steuerung ist, die Akteure in den Bildungseinrichtungen – in unserem Fall die Schulen – und auch unsere Partner in der Bildungsverwaltung in diesem Prozess mitzunehmen, bei ihrem Handeln die beabsichtigten Wirkungen mit in den Blick zu nehmen. Als eigenständiges Geschäftsfeld im Referat für Bildung und Sport ist das kommunale Bildungsmanagement entsprechend positioniert, um genau diese Querschnittsthemen bearbeiten zu können.
 
Anita Henselmann: Das Thema „wirkungsorientierte Steuerung“ sehe ich in einem Bildungsbüro oder wie bei uns in der Stabsstelle Kommunales Bildungsmanagement richtig verortet. Wir bieten Steuerungsunterstützung für die Referatsleitung und letztlich auch für die Stadtspitze, wenn es um die Weiterentwicklung der Münchner Bildungslandschaft geht. Mit den Aufgabenfeldern „Steuerung“ und „Qualität“, die im Kompass für Kommunen zum datenbasierten kommunalen Bildungsmanagement der Transferagentur als eigenständige Dimensionen eines DKBM aufgeführt sind, werden die wesentlichen Pfeiler einer wirkungsorientierten Steuerung abgebildet. Für uns in München stellt dieser Kompass einen wichtigen Orientierungsrahmen dar, wenn es darum geht, wirkungsorientierte Steuerung umzusetzen.

Das Interview ist im Rahmen des Themendossiers "Bildung vor Ort wirksam gestalten – eine besondere Herausforderung für Kommunen?" entstanden und befindet sich im zweiten Kapitel. Das Dossier ist in Nachbereitung des gleichnamigen Großstadtnetzwerks im Mai 2019 in München erarbeitet worden und führt die zentralen Erkenntnisse und Praxiserfahrungen zusammen, die dort diskutiert wurden.