2. Kapitel - Interview Mannheim

Die Mannheimer Bildungsberichterstattung als qualifiziertes Instrument der wirkungsorientierten Steuerung für das Themenfeld Bildung

Interview mit Heike Fleischmann, Leiterin Abteilung Bildungsplanung/Schulentwicklung im Fachbereich Bildung, Mannheim

Was haben in Mannheim wirkungsorientierte Steuerung und datenbasiertes kommunales Bildungsmanagement (DKBM) miteinander zu tun?

Demografischer Wandel, gesellschaftliche Veränderungen, Fachkräftemangel, steigende Schülerzahlen, der Trend zu höheren Schulabschlüssen, Inklusion, Zuwanderungsbewegungen und Ressourcenknappheit der Kommunen – das sind Beispiele für die Rahmenbedingungen, die das alltägliche politische und das Verwaltungshandeln bestimmen.
Den damit verbundenen Herausforderungen stellt sich die Stadt Mannheim seit 2007 mit einem Reformprozess. Dieser sieht vor, den Verwaltungsbereich neu zu gestalten, in dem eine wirkungsorientierte und an konkret messbaren Zielen ausgerichtete Steuerung eingeführt wird.
Gleichzeitig verpflichtet sich die Stadt Mannheim der strategischen Zielsetzung der Bildungsgerechtigkeit, Talentförderung und dem guten Zusammenleben in Vielfalt, um damit die Bildungslandschaft und erfolgreiche Bildungsbiografien zu gestalten.
Mit der Einführung der Bildungsberichterstattung 2010 entstand ein erstes Gerüst indikatorengestützt aufbereiteter Grunddaten für ein Bildungsmonitoring. Im Laufe der Jahre etablierte es sich zu einem wesentlichen Steuerungsinstrument, dessen Erkenntnisse bei Entscheidungsprozessen im Bildungsbereich als Basis herangezogen werden.
Der erste Mannheimer Bildungsbericht befasste sich zunächst mit den Grunddaten des frühkindlichen und des schulischen, allgemeinbildenden Bereichs sowie der Hilfen zur Erziehung. Dazu wurden Handlungsperspektiven entwickelt, um diese strategischen Ziele zu erreichen. Aus dem zweiten Bildungsbericht entstand ein Entwicklungsplan „Bildung- und Integration“, der mit dem Fokus auf gelingende Bildungsbiografien von Kindern und Jugendlichen mit Migrationserfahrung im Juli 2019 mit einer zweiten Auswertung erschien.
Für den dritten und vierten Bildungsbericht wurden zusätzlich Daten der beruflichen und der non-formalen Bildungsangebote sowie des Gesundheitsbereichs ausgewertet und analysiert.
Somit konnten auf der Grundlage einer immer breiter werdenden Datenbasis und verschiedener IST-Analysen zahlreiche Bedarfe in allen Bereichen des Dezernats Bildung, Jugend und Gesundheit identifiziert und Handlungsempfehlungen formuliert werden.
 

Welche Auswirkungen hatte die Einführung einer wirkungsorientierten Steuerung auf das kommunale Bildungsmanagement in Mannheim?

Seit 2007 entstand im Rahmen des stadtweiten Veränderungsprozesses von „Change² - Wandel im Quadrat“ ein Kennzahlensystem aus Leistungs- und Wirkungszielen mit dem Ziel, das Verwaltungshandelns an angestrebte Wirkungen, das heißt, an den angestrebten Zuständen in der Mannheimer Stadtgesellschaft auszurichten.
Im Doppelhaushalt 2012/2013 wurden die Managementziele der Fachbereiche, Ämter und Eigenbetriebe abgebildet und der Ressourcenbedarf für einzelne Ziele und Maßnahmen in großen Teilen erstmals festgelegt. Mit der Weiterentwicklung der Zielsysteme sollen Aufwendungen und Erträge vollständig mit Zielen und Kennzahlen verknüpft werden. Ziel war es, die Transparenz von Maßnahmen für Politik und Öffentlichkeit zu erhöhen. Ein durchgängiges Monitoring soll es künftig ermöglichen, die Wirksamkeit und den Zielerreichungsgrad von Maßnahmen, die Produkte der Verwaltung unmittelbar bei Einzelnen oder einer Zielgruppe auslösen, untersuchen sowie Entwicklungen und Bedürfnisse unmittelbar erkennen zu können.
Mit dieser Entwicklung war es möglich, Bildungsakteure innerhalb und außerhalb der Verwaltung sowohl für die Erhebungen erforderlicher Planungsdaten wie auch den Einsatz neuer Monitoringsysteme zu sensibilisieren. Die gewonnenen Erkenntnisse werden für Handlungsempfehlungen, beispielsweise in der Schulentwicklung, bei der Implementierung neuer Unterstützungsmaßnahmen oder bei der intensiveren Vernetzung und Koordination bestehender Angebote als Basis herangezogen.
Im Dialog um die 17 globalen Nachhaltigkeitsziele, auf die sich alle Staaten der Welt verständigt haben, spielt der Bildungsbereich eine große Rolle und wirkt sich damit auf das Bildungsmanagement der Stadt aus. Das Thema Bildung ist neben Nachhaltigkeitsziel 4 in weiteren Zielen enthalten und zieht sich auch dort quer durch das politische und gesellschaftliche Leben. Mannheim hat in einem breit angelegten Beteiligungsprozess mit der Stadtgesellschaft das Leitbild Mannheim 2030 entwickelt, wobei zwei von sieben neu definierten Zielen unmittelbar den Bildungsbereich betreffen.
 
Im fortlaufenden Verstetigungsprozess von Change² legte die Stadt das Programm „Strategische Hauhaltskonsolidierung in Mannheim (SHM²)“ auf. Mit dem Ziel, die Wirtschaftlichkeit des Verwaltungshandelns strategisch und strukturell durch innovative Ansätze zu verbessern. Aus 15 sogenannten Schlüsselprojekten entstanden Anfang 2017 vier Schwerpunkte, die in verschiedenen Projekten bearbeitet und umgesetzt
werden sollten: verbesserte Steuerung des Verwaltungshandelns, durchgängige Optimierung und Digitalisierung von Geschäftsprozessen, Priorisierung städtischer Produkte vor dem Hintergrund der strategischen Ziele und Überprüfung ihrer räumlichen Situation sowie ein integriertes Sozialmanagement.
 
Das Schlüsselprojekt „Integriertes Sozialmanagement“ ging, ausgehend von der Bildungs-, Gesundheits- und Sozialberichterstattung, als Auftrag an die Fachbereiche des Dezernats Bildung, Jugend und Gesundheit (FB Bildung, Jugendamt und Gesundheitsamt, FB Tageseinrichtungen für Kinder), des FB Arbeit und Soziales und der Kommunalen Statistikstelle mit dem Ziel, durch ein modernes Sozialmanagement zielgerichtetes, systematisches und sozialraumorientiertes Handeln zu ermöglichen. Innerhalb von zwei Jahren wurden unter temporärer Einbeziehung zahlreicher unmittelbar und mittelbar tangierter Fachbereiche der Stadtverwaltung (u.a. Ordnungsamt, Internationales (Migrationsbeauftragter), Demokratie und Strategie (Wahlbezirke)), nach IST-Analysen und kritischen Bewertungen Handlungsempfehlungen für sechs neue Steuerungsinstrumente entwickelt. Mit dem Konzept für eine jeweils integrierte Sozialberichterstattung, sozialräumliche Gliederungsebene, Sozialstatistik-Datenbank, Sozialraumtypologie sowie dem Prototyp eines sozialräumlichen Monitorings, entstanden greifbare und praktikable Ergebnisse für künftige integrierte, quartiersbezogene Sozialraumanalysen. Die projektbeteiligten Fachbereiche werden künftig eng zusammenarbeiten, um die entwickelten Steuerungsinstrumenten zu realisieren und zu pflegen.
 

Inwiefern eignet sich das DKBM (in Mannheim), um im Bildungsbereich wirkungsorientiert zu steuern?

Die Mannheimer Bildungsberichterstattung hat sich seit ihrer Einführung im Jahr 2010 zu einem qualifizierten Instrument der wirkungsorientierten Steuerung für das Themenfeld Bildung entwickelt. Auch künftige Berichte werden Entwicklungen entlang der Bildungsbiografie darstellen, analysieren und mit politisch signifikanten Fragestellungen verknüpfen. Die kontinuierliche Erweiterung und Verbesserung des Bildungsmonitorings in allen Bereichen des Bildungssystems unterstützt wesentliche kommunale Entscheidungsprozesse. Eine gezielte Zuordnung zu einzelnen Quartieren und Institutionen erlaubt dabei die sozialräumliche Orientierung, die sich politisch bewährt und die Steuerung von Bildungsinvestitionen maßgeblich dort geprägt hat, wo die vorhandenen Mittel nicht flächendeckend eingesetzt werden können. So wurden beispielsweise der Einsatz von Unterstützungssystemen, der Ausbau von Eltern-Kind-Zentren und Ganztagsschulen oder der Einsatz von Schulsozialarbeit gezielt auf die Sozialräume ausgerichtet, wo es galt, die Bildungs- und Teilhabechancen von Kindern und Jugendlichens sowie deren Familien zu optimieren.