Einleitung

Städte sind Orte der Vielfalt

Diversität ist städtisch. Es gibt sie, seit es Städte gibt. Diese Vielfalt hat sich in den vergangenen Jahrzehnten in ihrer Zusammensetzung und Ausprägung verändert. Städte sind kulturell und ethnisch vielfältiger, sozial aber ungleicher geworden. Gleichzeitig stehen Städte für soziale, kulturelle, gesellschaftliche und ökonomische Innovation. Heutzutage sind Großstädte Knotenpunkte der Sprachen und unterschiedlicher Lebensentwürfe, Orte, wo sich tradierte Bildungswege auflösen, die nationale Herkunft in den Hintergrund rückt, während sich die religiöse, politische oder soziale Orientierung ausdifferenziert und das Individuum im Mittelpunkt steht. Erol Yildiz bezeichnet diesen Wandel urbaner Räume als „Öffnung der Städte zur Welt“und meint damit das Zusammenspiel ständig fließender Vielheiten, Mehrdeutigkeiten, Ambivalenzen, Widersprüche und Ungleichheiten, die allesamt in einem lokalen, globalen Kontext miteinander verknüpft sind.


Städtische Vielfalt hat viele Gesichter, nicht nur das von Neuzugewanderten

Was haben ein im Ruhestand stehender Gastarbeiter und der Sohn einer Kurdin mit deutschem Vater gemeinsam– außer der Tatsache, dass beide möglicherweise auch die türkische Staatsbürgerschaft besitzen? Worin ähneln sich wiederum ein hochqualifizierter syrischer Geflüchteter und ein geflüchteter Analphabet aus Afghanistan – und umgekehrt – außer möglicherweise in der Erfahrung, geflohen zu sein und der Tatsache, dass sie in Zeiten digitaler Vernetzung in engem Kontakt mit ihren Familien in der Heimat stehen? Städtische Vielfalt hat viele Gesichter, aber eben nicht nur das von Einwanderern. Denn was haben ein Kind (ohne Migrationshintergrund) bildungsferner Eltern, die darüber hinaus Erfahrungen der Langzeitarbeitslosigkeit machen müssen, mit einem Kind aus einer Akademikerfamilie gemein, dessen alleinerziehende Mutter dem Vorstand eines global agierenden DAX-Unternehmens vorsteht –außer vielleicht der Tatsache, dass sie auf dieselbe Universität gehen? Mit dem Ziel, dieser komplexen Struktur großstädtischen Lebens gerecht zu werden, wird im wissenschaftlichen Kontext der Begriff „Super-Diversität“ verwendet, der die mehrheitlich geprägte „Minderheiten-Stadt“ beschreibt. Wir, die Transferagentur für Großstädte, verwenden den Begriff Super-Diversität insofern, als er die Veränderung globaler Migrationsströme in den Blick nimmt und erklärt, wie diese zu einer Ausdifferenzierung von Diversität geführt hat. Das heißt: Mit dem Konzept der Super-Diversität wird eine Gesellschaftsform der globalisierten, städtischen Welt von heute beschrieben, die gleichzeitig ungleiche Teilhabe- und Zugangsmöglichkeiten innerhalb einer Gesellschaft (faktische Nichtgleichbehandlung) bei formal gleichen Rechten in den Blick nimmt. Super-Diversität darf daher nicht nur als ein Mehr an kultureller Vielfalt gesehen werden. Unsere demografische Zusammensetzung hat einen Punkt erreicht, an dem selbst homogen geglaubte Bevölkerungsgruppen– einheimische Gruppen eingeschlossen –von hoher Heterogenität geprägt sind.

Wir leben in Zeiten, in denen es nur noch Minderheiten gibt

Im städtischen Kontext stellen diejenigen, die als Deutsche gelten, zugleich nicht mehr überall die Mehrheitsgesellschaft dar, sondern sind selbst nur noch eine Minderheit von vielen. Unzählige individuell geprägte Lebensgeschichten treffen aufeinander, die als lokale urbane Geschichten auch immer eingebettet sind in globale Zusammenhänge, so dass sich neue hybride Lebensentwürfe entwickeln. Das Ergebnis zeigt sich in einer Stadtgesellschaft, die sich nicht (mehr) als ethnisch, kulturell, religiös, sprachlich einheitlich beschreiben lässt – das ist eine Chance für die plurale Stadt- und Einwanderungsgesellschaft von heute und morgen.

Das vorliegende Themendossier nähert sich dem Thema vor allem aus der Perspektive der Großstadt:
Kapitel 1 beschreibt die Entstehung der Super-Diversität in Deutschlands Großstädten. Neben einer Darstellung der politisch-historischen Entwicklung der Einwanderungsphasen der Bundesrepublik Deutschland seit 1945 werden auch die Aspekte herausgearbeitet, die dazu geführt haben, dass wir von Super-Diversität sprechen.
 
Kapitel 2 beleuchtet die städtische Diversität im Kontext der zunehmenden sozialen Spaltung der Stadt und wie
sich dies auf das Thema Bildung auswirkt.
 
Kapitel 3 zeigt auf, wie Bildung in der superdiversen Stadtgesellschaft funktionieren kann und was ein kommunales Bildungsmanagement dazu beiträgt.

Endnoten:

Yildiz, Erol (2013): Die weltoffene Stadt. Wie Migration Globalisierung zum urbanen Alltag macht. Bielefeld, Transcript Verlag.

Der Begriff stammt von Steven Vertovec, Max-Planck Institute for the Study of Religious and Ethnic Diversity, Göttingen.

3Schneider, Jens; Crul, Maurice; Lelie, Frans (2015): Generation Mix: die superdiverse Zukunft unserer Städte und was wir daraus machen. Münster, Waxmann.