Einleitung

Kein Raum für Qualität? Kommunen zwischen neuem Qualitätsanspruch und Handlungsdruck

Großstädte wachsen, Quartiere wachsen. Das stellt nicht nur Anforderungen an bezahlbaren Wohnraum, sondern auch an die Infrastruktur für die Bildung und Betreuung von Kindern und Jugendlichen. Kommunen stehen unter wachsendem Druck, neue Raumangebote zu schaffen. 

Der U3-Ausbau ist noch nicht abgeschlossen, schon kündigt sich mit dem möglichen Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung in der Grundschule eine neue Herausforderung an. Dem steigenden Raumbedarf steht besonders in Großstädten eine Knappheit an städtischem Raum gegenüber. Flächen für Neu- oder Erweiterungsbauten rund um Kitas und Schulen fehlen. Zugleich wird die Gruppenzusammensetzung innerhalb der sozialen und pädagogischen Einrichtungen heterogener. Inklusion und Ganztag bringen neue Anforderungen an die pädagogische Arbeit mit sich – und damit neue qualitative Ansprüche an Lernorte im Quartier. Gebäude sollen möglichst multifunktional und in der Nutzung flexibel sein, sich zum Quartier öffnen und die Arbeit in multiprofessionellen Teams fördern. Wo es aus fachlicher Sicht ganz neue Raumkonzepte bräuchte, herrscht jedoch häufig Raumnot.
Wie können Kommunen dieser Situation begegnen? Wie gelingt es, im Spannungsfeld von Quantität und Qualität neue Lösungsansätze zur Bewältigung von Raumnot zu entwickeln? Das Thema Neubauen, besonders der Schulbau der Zukunft, hat Konjunktur. Die Frage, wie Planungs- und Bauprozesse beschleunigt werden können, steht im Zentrum der politischen Debatte. Doch welche Möglichkeiten gibt es, wenn ein Neubau keine Option ist? Weil der Raumbedarf kurzfristig gedeckt werden muss, weil Flächen fehlen oder weil die Bedarfe womöglich nur temporär sind?

Das Themendossiert stellt drei grundsätzliche Lösungsansätze vor, die Kommunen aktuell nutzen, um auf den steigenden Raumbedarf zu reagieren. Dabei lassen sich Ansätze mit kurzfristiger, mittelfristiger und langfristiger Wirkung unterscheiden. Alle setzen darauf, kommunale Spielräume jenseits des Neubauens zu nutzen.

  • Kurzfristig wirksame Lösungen: Wie kann neuer Raum schnell und flexibel bereitgestellt werden? Das Aufstellen von Mobilbauten kann als die klassische Übergangslösung gelten. Doch wie lassen sich die spezifischen Vorteile von Mobilbauten systematisch entwickeln? Welche kurzfristigen Lösungsansätze gibt es jenseits von Containern?
  • Mittelfristig geht es für Kommunen oftmals darum, bestehende Raumressourcen gemeinsam zu nutzen. In vielen Quartieren stehen Räume über den Tag verteilt zeitweise leer. Kommunen haben ein Interesse daran, Modelle für die gemeinsame Raumnutzung im Quartier zu entwickeln. Wie lassen sich die diversen lokalen Akteure für solche Ansätze gewinnen, wie ihre Träger und die Verantwortlichen auf kommunaler Ebene? Was sind geeignete Koordinierungsmodelle?
  • Langfristig ist das Ziel, relevante Fachplanungen für Schule, Jugendhilfe und Stadtentwicklung zu verknüpfen und dadurch die Prognosefähigkeiten zu verbessern. So kann Raum für Kinder und Jugendliche in der wachsenden Stadt nachhaltig gesichert werden.

Dabei stehen kurzfristig realisierte Übergangslösungen in der Regel am stärksten mit Qualitätsüberlegungen in Konflikt. Was schnell umgesetzt und auf kurzfristige Bedarfe hin ausgerichtet ist, ist häufig weniger an Standards orientiert. Der beschleunigte Prozess steht im Vordergrund, Beteiligung der Nutzerinnen und Nutzer spielt kaum eine Rolle. Mittelfristige Lösungen haben ein größeres Potenzial, Qualitätsüberlegungen aufzugreifen und mitzudenken, Entwicklungsprozesse werden beteiligungsorientiert aufgesetzt. In der langfristigen Entwicklung integrierter Planungen können Qualitätsüberlegungen dauerhaft einbezogen und aufgegriffen werden. Dennoch stellt sich für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Kommunalverwaltung die Herausforderung, für alle Lösungsszenarien zukünftig intensiv auch über Qualitätsfragen nachzudenken und entsprechende Konzepte zu entwickeln. Das Themendossier gibt Anregungen, wie hier der Ansatz eines datenbasierten kommunalen Bildungsmanagements genutzt werden kann, um ein hochwertiges Raumangebot im Bildungsbereich als kommunale Steuerungsaufgabe gemeinsam zu gestalten. Denn hier stehen Kommunen vor der Aufgabe, stärker datenbasiert und ressortübergreifend zu agieren. Solche Prozesse zu gestalten und entsprechende Strukturen zu entwickeln, ist zentrales Anliegen eines datenbasierten kommunalen Bildungsmanagements.

Im Themendossier werden verschiedene Dimensionen des Spannungsfelds von Quantität und Qualität beleuchtet:

Kapitel 1 beschreibt die Ausgangslange. Was macht gute Räume für Bildung aus, warum haben sich Qualitätsanforderungen verändert und auf welche kommunale Realität treffen diese aktuell? Die wissenschaftliche Perspektive wird hier mit der kommunalen Perspektive der Jugendhilfe- und Schulentwicklungsplanung in der Großstadt kontrastiert.

Kapitel 2 nimmt die oben beschriebenen Handlungsszenarien systematisch in den Blick: Wie werden aktuell neue Lösungen improvisiert? Wie gelingt es Kommunen, Räume gemeinsam zu nutzen? Und wie lässt sich eine langfristige Planung realisieren? Dazu werden Beispiele aus den Städten Hannover, Frankfurt am Main und Nürnberg vorgestellt. Außerdem werden Entwicklungsfelder benannt, die sich als erste Vorschläge für zukünftige Strategien und Entwicklungsoptionen verstehen. Dabei wird herausgearbeitet, inwiefern das datenbasierte kommunale Bildungsmanagement einen guten Rahmen bildet.

Kapitel 3 fasst zusammen, was dies für die Zusammenarbeit innerhalb der Verwaltung langfristig bedeutet und wie ein datenbasiertes kommunales Bildungsmanagement die Entwicklung neuer Raumlösungen für Bildungseinrichtungen in wachsenden Quartieren unterstützen kann.

Sind die dringend benötigen Räume da, fehlt das Personal
Akute Raumnot in Schule und Kita geht oft mit Personalmangel einher. Laut der Studie „Demographische Rendite adé“ der Bertelsmann Stiftung, die im Herbst 2017 für einige Tage die bildungspolitische Debatte bestimmte, wird sich die Situation im Schulbereich noch verschärfen. 2025 werden den dortigen Schätzungen nach vier Prozent mehr Kinder und Jugendliche zur Schule gehen als heute, im Jahr 2030 acht Prozent. Die Personalgewinnung für Schulen ist Ländersache, Um- und Bauvorhaben liegen bei den Kommunen. Eine Koordination der verschiedenen beteiligten Ebenen der Bildungsverwaltung ist „dringend geboten“, heißt es in der Bertelsmann-Studie1. Der Fachkräftemangel im Kitabereich wird sich ebenfalls weiter zuspitzen. Bund und Länder versuchen gegenzusteuern, indem die berufsbegleitenden und praxisintegrierten Angebote der Erzieherinnen- und Erzieherausbildung ausgebaut werden.

Schulpflicht und Rechtsanspruch – wie unterscheidet sich die Ausgangslage im Kita und Schulbereich?S Die Gewährleistung einer bedarfsgerechten Infrastruktur für Bildung, Erziehung und Betreuung ist kommunaler Kernauftrag. Im Schulbereich gilt die Schulpflicht, die Kommune als Schulträger muss ausreichend Schulplätze bereithalten – und hat dabei keine Ausweichmöglichkeiten. Im Elementarbereich gibt es mehr Optionen, wenn das Platzangebot nicht ausreicht. Erhalten Eltern keinen Betreuungsplatz, können sie die Kommune verklagen, diese muss dann eine Einigung mit den Eltern erzielen, kann dabei aber z.B. auch auf Betreuungsformen wie die Kindertagespflege zurückgreifen. Übergangslösungen zur Behebung akuter Raumnot sind für Kindertagesstätten leichter zu realisieren, weil es sich mit maximal 100 bis 150 Kindern in der Regel um kleinere Einheiten handelt als Schulen.

Endnote:

1 Siehe: https://www.bertelsmann-stiftung.de/fileadmin/files/Projekte/27_In_Vielf... , S. 28 [Stand: September 2018]