3. Kapitel

Fazit: Raumnot als Gestaltungsaufgabe im kommunalen Bildungsmanagement

Kommunale Pflichtaufgaben, wie die Bereitstellung von Raumkapazitäten, lassen sich durch die Raumgestaltung kaum noch von pädagogischen Grundsatzfragen trennen. Der große Handlungsdruck, in wachsenden Städten Raumangebote zur Verfügung zu stellen, verknüpft sich mit dem Anspruch der Qualitätsentwicklung. Wie vor dieser Ausgangslage kommunale Handlungsspielräume genutzt werden können, zeigt das Themendossier: Kommunen können kurzfristig neue Raumressourcen erschließen, etwa durch Übergangslösungen wie Mobilbauten oder Zwischennutzungen. Mittelfristig besteht die Möglichkeit, über eine stärkere Koordinierung vorhandene Raumressourcen besser gemeinsam zu nutzen und so neue Raumkapazitäten zu schaffen. Langfristig steht die Steigerung der Planungs- und Prognosefähigkeit im Fokus, um durch längere Planungszyklen Qualitätsaspekte umfassender berücksichtigen zu können und Raum für Kinder und Jugendliche in der wachsenden Stadt nachhaltig zu sichern.

Aspekte guter Raumqualität trotz Handlungsdrucks

Für alle drei Szenarien lassen sich dabei erste Qualitätsaspekte ableiten, die in der Diskussion um Raumressource und Raumqualität weiter vertieft werden sollten.

Szenario 1: Mehr Qualität für Übergangslösungen

Übergangslösungen zur Behebung akuter Raumnot stehen für kommunalen Pragmatismus. Es lässt sich argumentieren, dass jeder Mobilbau als Flächenerweiterung von Kita und Schule zur Qualität beiträgt, da er an den bestehenden Standorten wieder Freiräume für flexible Nutzungen ermöglicht und die Raumnutzung entzerrt. Doch die qualitativen Potenziale liegen woanders: Auch Übergangslösungen lassen sich so gestalten, dass sie neuen Qualitätsanforderungen gerecht werden. Auch hier können Prinzipien des zeitgemäßen pädagogischen Bauens – Flexibilität, Inklusivität und Adaptivität – berücksichtigt werden. Um hier zu neuen Lösungen zu kommen, sollte auch im Bereich der Übergangslösungen stärker beteiligungsorientiert gearbeitet werden. Ein Anspruch, der in der kommunalen Praxis zunehmend sichtbar wird.

Szenario 2: Qualitätskriterien für die gemeinsame Raumnutzung

Ein lebendiges Bildungsquartier, in dem Raum für Bildung ganztägig einrichtungsübergreifend genutzt wird: Aus kommunaler Sicht ist das ein vielversprechendes Szenario. Voraussetzung ist, dass die gemeinsame Raumnutzung nicht nur als Verlust an eigenem Raum erlebt wird, sondern jedem Partner einen qualitativen Mehrwert bietet: multiple Raumoptionen und variable Ausstattungen für verschiedene Anlässe und Vorhaben. Qualität in der gemeinsamen Raumnutzung heißt auch, gemeinsame Regeln zu entwickeln. Denn der Mehrwert der Öffnung eigener Räume für andere muss mit dem Bedürfnis nach Sicherheit und Geborgenheit sowie nach Identifikation mit den eigenen Räumen austariert werden. Werden solche Vorstellungen zur Raumnutzung beteiligungsorientiert vor Ort erarbeitet, so kann die gemeinsame Raumnutzung dazu beitragen, die Bildungskooperation im Quartier oder Stadtteil zu stärken und fachlich weiterzuentwickeln.

Szenario 3: Integrierte Planung zur langfristigen Qualitätssicherung

Um eine qualitativ hochwertige Bildungsinfrastruktur langfristig zu entwickeln, braucht es eine integrierte Planung und Prognose. Werden verschiedene Planungsperspektiven verbunden, so können Abschätzungen zu Bedarfen oftmals qualifizierter erfolgen. Ein integrierter Ansatz ermöglicht es zudem, Flächen für Bildungsbauten sowie Freiflächen für Kinder und Jugendliche frühzeitig zu sichern und Baumaßnahmen mit pädagogischen Konzepten zu verzahnen – ausgestattet mit ausreichend Vorlauf und gemeinsam mit den Nutzerinnen und Nutzern. Dazu gilt es, vorhandene Daten stärker aufeinander zu beziehen, ressortübergreifend zu kooperieren und die Datenkompetenz in den Kommunen zu stärken. Zudem sollten auch die Akteure in den Quartieren systematisch in die Datendiskussion eingebunden werden, z.B. in Stadtteilgremien oder durch Elternbefragungen. Ist die Zusammenarbeit entsprechend etabliert, können neue kommunale Gestaltungsspielräume und Qualitätsentwicklungen dadurch entstehen, dass Planungs- und Prognoseprozesse stärker mit gemeinsamen strategischen Zielen verknüpft werden.

Die Rolle des datenbasierten kommunalen Bildungsmanagements: Entwicklungsfelder zur ressortübergreifenden Gestaltung neuer Raumqualität

Um die Qualitätsentwicklung voranzutreiben, bietet das datenbasierte kommunale Bildungsmanagement interessante Ansatzpunkte. Zwar ist es eine kommunale Pflichtaufgabe, eine bedarfsgerechte Bildungsinfrastruktur zu gewährleisten. Der Ansatz eines datenbasierten kommunalen Bildungsmanagements bietet aber die Möglichkeit, hier neue Wege zu gehen und zu innovativen Lösungen zu kommen. Einige davon sind in dem vorliegenden Themendossier dargestellt.

Um die beschriebenen Handlungsspielräume aber systematisch zu nutzen müssen Kommunen in der Lage sein, aus guten Einzelbeispielen zu lernen und Strukturen der Zusammenarbeit entsprechend zu systematisieren und zu qualifizieren. Dabei lassen sich aus den Handlungsszenarien übergreifende Entwicklungsfelder ableiten, die zugleich Kernprinzipien eines datenbasierten kommunalen Bildungsmanagements sind:

  • Datenbasierung: Die Debatte um bessere Prognosen zeigt, wie zentral sozialräumliche und gesamtstädtisch Analysen für die Handlungsfähigkeit von Kommunen sind. Sie ermöglichen es nachzuvollziehen, wie Prioritäten gesetzt und Entscheidungen getroffen werden. Sie dienen in einem zunehmend komplexen Feld zudem als neue Entscheidungsgrundlage und der langfristigen Planung. Damit dies gelingt, müssen Kommunen in ihrer Kompetenz gestärkt werden, vorhandene Daten fachbereichsübergreifend auszuwerten, aufzubereiten und Ergebnisse an Verhandlungs- und Entscheidungsprozesse rückzubinden. Das betrifft nicht nur die Struktur- sondern auch die Personalentwicklung.
  • Strategische Zielsetzung: Langfristig verknüpft sich die quantitative und qualitative Entwicklung der Bildungsinfrastruktur auch mit Fragen der Stadtentwicklung. Denn Bildungsinfrastruktur folgt nicht nur den entstehenden Bedarfen, sondern kann selbst auch zu Veränderungen in der Nachfrage nach Wohnraum in bestimmten Stadtquartieren beitragen. Dies stellt zugleich neue Anforderungen an die ressortübergreifende Strategieentwicklung. Wo soll Abwanderungsprozessen durch die Gestaltung von Bildung im Quartier entgegengewirkt werden? Wo ist der Zuzug von Familien gewünscht? Wie soll im Bildungsbereich auf Verdrängungsprozesse reagiert werden? Hier können durch die systematische Verknüpfung von strategischen Zielen und integrierter Planung neue Gestaltungsspielräume entstehen.
  • Interne Kooperation: Die Handlungsszenarien machen darüber hinaus deutlich, dass aktuelle Herausforderungen im Bildungsbereich kaum noch aus einem Fachressort heraus bewältigt werden können. Gute Lösungen werden in den vorgestellten Beispielen in fachbereichsübergreifender Zusammenarbeit entwickelt. Wenn notwendig, werden gemeinsame Arbeitsstrukturen quer zur Linie geschaffen. Zentrale Partner sind Schule und Jugendhilfe, die Stadtentwicklung und die kommunale Statistik, das Gebäudemanagement sowie der Fachbereich Finanzen. Gemeinsam können Umsetzungsprozesse reflektiert und verbessert werden. Dies erfordert neue Formen der Zusammenarbeit und innerhalb der Kommunalverwaltung neue Stellenprofile.
  • Externe Kooperation: Das Themenfeld Raumnot und Raumqualität zeigt auch auf, wie wichtig die Beteiligung der lokalen Ebene im datenbasierten kommunalen Bildungsmanagement in der Großstadt ist. Ansätze eines lokalen Bildungsmanagements in Anbindung an eine kommunale Bildungssteuerung ermöglichen es, die Expertise vor Ort für Planungsprozesse zu nutzen. Ohne Beteiligung besteht hier die Gefahr, an den Raumbedarfen der Nutzerinnen und Nutzer vorbeizuplanen. Dies führt, auch das zeigt die kommunale Erfahrung in der Schulplanung, stellenweise zu Widerstand. Hier braucht es neue kommunale Ansätze, um jenseits von Partikularinteressen beteiligungsorientiert die Bildungsinfrastruktur für die nächsten Jahrzehnte zu gestalten.

Das datenbasierte kommunale Bildungsmanagement bietet wichtige Ansatzpunkte, um auch angesichts des aktuellen Handlungsdrucks ein Raumangebot zu entwickeln, das neuen Qualitätsanforderungen genügt. Hier wird es zukünftig darum gehen, aus der kommunalen Praxis heraus neue Ansatzpunkte, Handlungsspielräume und Planungsroutinen zu entwickeln und zu systematisieren. Das Themendossier ist in dieser Hinsicht ein Auftakt und eine Einladung zur Weiterentwicklung der vorgestellten Handlungsszenarien.