1. Kapitel

Theorie trifft Praxis: Was ist ein guter Lernort? Und wie lässt sich Raumqualität realisieren?

Geht es um neue Raumqualität, so können wissenschaftlicher Anspruch und kommunale Realität aufeinanderprallen. Was es braucht, um gute Lernumgebungen zu gestalten und wie dies realisiert werden kann, beantworten im Folgenden Professor Dr. Jörg Ramseger und Stefan Rauhaus jeweils aus wissenschaftlicher und kommunaler Perspektive.

Professor Dr. Jörg Ramseger leitet die Arbeitsstelle Bildungsforschung Primarstufe des Fachbereichs Erziehungswissenschaft der Freien Universität Berlin. Er hat sich in Bezug auf Schulbauten ausführlich mit der Frage von Raumqualität beschäftigt, nicht nur in seiner Forschung, sondern auch in der Beratung von Kommunen. So war er beispielsweise Mitglied der interdisziplinären Facharbeitsgruppe Schulraumqualität, die im Auftrag des Berliner Senats im Februar 2017 das Konzept der Berliner Lern- und Teamhäuser vorgelegt hat. Die Grundsätze pädagogischen Bauens, die er in seinem Beitrag zunächst für Schulneubauten formuliert, können und sollten als Qualitätsmaßstäbe auch für temporäre Raumlösungen gelten. Stefan Rauhaus knüpft hier an. Ihn bewegt die Frage von Raumqualität in der kommunalen Praxis als Bereichsleiter Schulplanung und Pädagogik im Fachbereich Schule der Landeshautstadt Hannover.

Qualität kann nicht warten! Erfolgreiches Lernen braucht Wohlfühlorte und keine Kinderaufbewahrungsschachteln

von Prof Dr. Jörg Ramseger, Freie Universität Berlin

Beim Bau neuer Bildungseinrichtungen stehen Kommunen aktuell unter zahlreichen Zwängen. Das Geld sprießt nicht grenzenlos, es gibt maßlosen Termindruck und wenig Personal. Zugleich sind die offiziell formulierten Ansprüche an die Schulraumqualität oft niedrig. Aber auch wenn die Ausgangslage schwierig ist, darf die Chance nicht verschenkt werden, den aktuellen Handlungsdruck zu nutzen, um hochwertige Bildungsgebäude zu entwickeln. Was heute gebaut wird, hält für die nächsten 50 Jahre und wird damit 50 Schülergenerationen oder mehr prägen. Dies sollte nicht nach den Schulbaumustern des 19. Jahrhunderts geschehen, nur weil es jetzt sofort Gebäude braucht und Qualitätsansprüche oftmals dahinter zurückgestellt werden. Aber was ist unter hochwertigen Bauten im Bildungsbereich zu verstehen? Und warum ist die Raumqualität so wichtig?

Gebäude entfalten Wirkung – für die Produktivität und den Optimismus junger Menschen

Raumqualität ist entscheidend, da Gebäude nicht nur den Rahmen bieten, in dem Bildungsprozesse stattfinden, sondern selbst Wirkung entfalten. Architektur und das Ambiente, das sie erzeugt, sind subkutan permanent wirksam und sie haben einen maßgeblichen Einfluss nicht nur auf unsere Produktivität, sondern auch auf den Optimismus oder Pessimismus, mit dem wir junge Menschen ausstatten. Jedes Gebäude wirkt auf das Gemüt. Deswegen gestalten viele Menschen mit viel Aufwand ihr heimisches Wohnzimmer. Auch für erfolgreiches Lernen brauchen wir Wohlfühlräume und keine Kinderaufbewahrkartons.

Die Architektur eines Bildungsgebäudes ist Ausdruck von Wertschätzung

Ob Bildungsgebäude in hoher Qualität errichtet und erhalten werden, ist dabei immer auch eine Materialisation der Wertschätzung, die die jeweils herrschende Generation Kindern und Heranwachsenden entgegenbringt. In früheren Zeiten haben die Monarchen oft große, stabile Schulbauten gebaut. Diese hatten – nach damaligen Gesichtspunkten – eine sehr wertige Architektur. Damals war es eine Prestigesache für Kommunen, die Schule, genau wie die Kirche, schön zu gestalten – es waren Repräsentationsbauten. Das ist heute in vielen Kommunen nicht der Fall. Im Gegenteil zeigen sich in Schulgebäuden oft schwere Baumängel, herabstürzende Decken und Fensterrahmen, durch die man mit Fingern hindurchbohren kann, weil sie morsch sind. Das ist ein Ausdruck einer erschreckenden Geringschätzung, die die Gesellschaft als Ganze und das System Schule den Kindern heute entgegenbringen. Gerade wenn wir zunehmend über ganztägige Erziehung diskutieren, müssen wir Umgebungen mit einer ästhetischen Qualität schaffen, die tatsächlich die Sozialität junger Menschen fördern – sonst ist der Ganztag in Schule und Hort nicht zu legitimieren.

Ästhetik, die stolz macht, kann Gleichgültigkeit, Vandalismus und Gewalt reduzieren Die Wertschätzung, die sich in einer hochwertigen Ästhetik zeigt, hat wichtige Folgen. Denn, wer Lernerfolg sichern will, muss für guten Unterricht und ein lernförderliches Ambiente sorgen. Gleichgültigkeit, Vandalismus und Gewalt lassen sich reduzieren, wenn man in Ästhetik investiert. Dabei ist es wichtig, dass Einrichtungen mit dem Qualitätsmaßstab entstehen, ihre Nutzerinnen und Nutzer stolz zu machen. Dafür müssen Gebäude etwas Ungewöhnliches oder Einzigartiges bieten, beispielsweise eine singuläre Architektur, besonders schöne Beleuchtung, überlegter Einsatz von Farben, eine kleine Tür für kleine und daneben eine große Tür für große Menschen oder Ähnliches. Es ist wichtig, dass wir dabei zwischen den Eigentümern und den Besitzern eines Gebäudes unterscheiden. Die Eigentümer sind die Kommunen; die Besitzer sind die Menschen, die das Gebäude benutzen dürfen und müssen. Selbstverständlich müssen die (zukünftigen) Besitzer des Gebäudes schon in der Bauphase und bei allen Renovierungen darüber mitentscheiden dürfen, wie das Haus bei einem Neubau oder nach einer Renovierung mal aussehen soll, damit sie gut darin arbeiten können. Denn das ist eigentlich der Zweck des kommunalen Bauens – dass der Eigentümer etwas baut, in dem der Besitzer sich wohlfühlt.

Klassenzimmer sind ein Abbild der Vorstellung vom Lernen in einer bestimmten Gesellschaft und einer spezifischen Zeit

Bildungsbauten heute müssen natürlich anders aussehen als Schulen vor 10 oder 20 Jahren, weil sich die Vorstellung vom Lernen und damit der pädagogische Anspruch an Schulbauten verändert haben. Denn Klassenzimmer sind immer ein Abbild der Vorstellungen vom Lernen in einer bestimmten Gesellschaft zu einer bestimmten Zeit. Die Flurschule war eine sinnvolle Einrichtung im Industriezeitalter. Sie war das Korrelat zur Industriegesellschaft: eine Schule des passiven Nachvollzugs vorgedachter Gedanken und Erklärungen im Gleichschritt der Klassengemeinschaft. Das passte gut in das Industriezeitalter, wo die Menschen in großer Zahl mechanisch nachvollziehbar tätig sein mussten. Die großen Entscheidungen traf damals eine kleine Elite, die in privaten Gymnasien und außerhalb der Schule gebildet wurde.

Inzwischen stellt die Gesellschaft aber andere Anforderungen an den Bildungsprozess: Wir sind keine Industriegesellschaft mehr, wir sind eine Informationsgesellschaft. Nur noch wenige Menschen arbeiten am Förderband, ein Großteil ist in der Symbolwirtschaft oder im Dienstleistungsgewerbe beschäftigt. Hierfür braucht es andere Schlüsselkompetenzen. Die Kompetenzen für die Arbeitswelt von heute eignet man sich nicht in den klassischen Flurschulen mit dem Frontalunterricht des 19. Jahrhunderts an. Vielmehr geht es um Lernen als soziale Co-Konstruktion, nämlich um die Auseinandersetzung des Individuums mit der Welt im Kontext und im Dialog mit anderen, die die eigene Wahrnehmung jeweils bestätigen oder auch in Frage stellen.

Eine moderne Schule muss darum eine Schule der Selbsttätigkeit sein, des handelnden Lernens und der Entdeckung der Welt durch die Schülerinnen und Schüler selbst. Dafür braucht es nicht nur eine andere Didaktik, sondern auch eine andere Raumstruktur: vielfältige, offene Klassenzimmer, in denen Kinder Forschungsprojekten nachgehen können, in denen sehr differenziert gearbeitet werden kann und in denen mehrere Pädagoginnen und Pädagogen gleichzeitig tätig sind und miteinander kommunizieren. Schularchitektur kann diese andersartigen pädagogischen Prozesse fördern – oder auch nachhaltig behindern. Darum ist es so wichtig, auch bei großem Handlungsdruck hinter bestimmte Qualitätsstandards nicht zurückzugehen.

Funktionsprinzipien von Schulbauten und Grundsätze pädagogischen Bauens

Damit dies gelingt müssen Schulgebäude einige Schlüsselfunktionen erfüllen (nach Carol S. Weinstein, 2007 1):

  • Zunächst geht es dabei um Sicherheit und Geborgenheit. Das Schulgebäude muss ein Ort sein, wo Kinder ihren Platz haben und wissen, wo sie hingehören. Damit geht aber auch ein Dilemma einher: Denn Sicherheit und Geborgenheit können im Konflikt mit dem Grundprinzip der Offenheit stehen. Wenn es aber um sozialräumliche Kombinationsbauten geht, dann sollen beispielsweise die Mensa oder das Theater nicht nur von der Schule, sondern auch von anderen Institutionen oder der Kommune multifunktional genutzt werden. Hier braucht es architektonische und stadtplanerische Lösungen, etwa mit Schließbereichen, um Sicherheit trotz Offenheit zu realisieren.
  •  Eine weitere wichtige Funktion von Schulbauten sind Gefälligkeit und Wohlbefinden. Es kommt darauf an, dass Kinder sich in ihrer Schule wohlfühlen.
  •  Daneben müssen Schulbauten auch eine symbolische Identifikation sicherstellen – etwa indem Kinder ihre Schule selbst gestalten, Möbel bauen, etwas selbst einrichten. Die Kinder müssen in der Schule Spuren hinterlassen können. > Zudem müssen Schulgebäude die Ziele der Schule unterstützen. Eines der wichtigsten Ziele ist beispielsweise die Erziehung zur Demokratie. Schulen, die das ernst meinen, lassen sich zum Beispiel ein Atrium bauen, damit alle Mitglieder der Schule zusammen über Dinge diskutieren und Regelungen finden können.
  • Darüber hinaus müssen Schulgebäude sozialen Kontakt und Zusammenhalt ermöglichen.

Diese zentralen Funktionsprinzipien müssen – so mein Vorschlag – heute um zwei weitere ergänzt werden:

  •  Flexibilität von Schulgebäuden wird immer wichtiger, um den neuen Lernanforderungen gerecht zu werden und die Arbeitsformen auch innerhalb einer Schulstunde wechseln zu können. Das kann beispielsweise heißen, dass in Schulen sämtliches Mobiliar einschließlich der Schränke mit Rollen versehen wird und die Ausrichtung so an verschiedene Bedarfe anpassbar ist.
  •  Zudem müssen Schulgebäude Inklusivität und Adaptivität gewährleisten: Jede Schule ist eine inklusive Schule und muss Räume für vielfältige, individualisierende Aktionsformen bereitstellen. Kleine, große und mittlere Räume sind notwendig, um den verschiedenen Funktionen als Ganztagsschule und inklusiver Schule sowie als therapeutischer Einrichtung gerecht zu werden.

Für den Bau von Schulen lassen sich davon einige Grundsätze ableiten. Der erste und wichtigste ist dabei: Schulen nicht mehr in Klassenräumen zu planen, sondern in Funktionsflächen. Kommunen, die dies angehen, zeigen: Das ist machbar. In München etwa ist dieses Funktionsschema realisiert. Teilweise lassen sich auch Flurschulen entsprechend umbauen. Dabei gilt: Form follows function. Wir brauchen keine Klassenzimmer mehr. Wir brauchen Rückzugszimmer, Ruheräume oder auch kleine Räume, wo Kinder mal ganz alleine arbeiten können. Dies gilt besonders, wenn wir Schule für den ganzen Tag denken. Denn jede Schule ist Ganztagsschule – und dafür brauchen wir keine Klassenzimmer mit frontaler Bestuhlung, sondern Funktionsräume, wie z.B. Therapie- und Psychomotorikräume. Das Gleiche gilt für die inklusive Schule.

In der Umsetzung müssen dafür die Betroffenen schon in der Planungsphase partizipieren. Das ist bei Neubauten manchmal schwer, weil es zum Zeitpunkt der Planungsphase Null noch kein Kollegium gibt. Dafür lassen sich aber Lösungen finden, indem beispielsweise schon vorab eine Schulleitung und ein Kernteam eingesetzt werden. Durch Beteiligung wird Identifikation ermöglicht, so dass sich die Kinder und Beteiligten als Besitzerinnen und Besitzer des Gebäudes wohlfühlen.

Quantität und Qualität – wie sich Handlungsdruck und gute Raumqualität verbinden lassen

Im Prinzip lassen sich diese Überlegungen auch unter Zeitdruck realisieren – auch wenn wir schnell viele neue Klassenzimmer brauchen, weil auf einmal mehr Kinder da sind als erwartet. Erfolgreiche Modelle wie aus München lassen sich adaptieren. Daraus kann man auch für Mobilbauten lernen. Dann können auch modulare Ergänzungsbauten pädagogischen Ansprüchen eher gerecht werden. Mobilbauten werden von Fertigbauern hergestellt, die all dies umsetzen können. Man muss nur im Kaufvertrag formulieren: Baut uns keine fünf Klassenzimmer im Rechteck, sondern nur vier und einen offenen Raum dazwischen, den wir als gemeinsame Differenzierungsfläche nutzen können! Und nutzt keine undurchsichtigen Türen, sondern solche mit Fenstern darin, damit die Lehrkräfte stets einen Blick auf die Differenzierungsfläche haben. Wenn wir mehr diskutieren würden, wie auch in Übergangslösungen und schnell realisierten Gebäuden neue Standards gesichert werden können, dann müssen Qualität und Quantität kein Widerspruch sein. Und ein Zurück zur Flurschule kann und darf gerade angesichts zunehmend heterogener Lerngruppen nicht die Antwort sein. Prof. Dr. Jörg

Ramseger leitet die Arbeitsstelle Bildungsforschung Primarstufe, Fachbereich Erziehungswissenschaft und Psychologie, Freie Universität Berlin

Berlin
Auf Initiative der Berliner Bildungssenatorin Sandra Scheeres wurde im September 2016 eine interdisziplinäre Facharbeitsgruppe aus rund 70 Expertinnen und Experten eingerichtet. Da in Berlin ca. 30 neue Schulen gebaut werden, stehen auch die räumlichen Voraussetzungen für moderne Pädagogik auf dem Prüfstand. Das Ergebnis der Facharbeitsgruppe: In Berlin sollen Lern- und Teamhäuser entstehen, die durch eine stärkere Clusterung von Räumen auf die Anforderungen von inklusiver und ganztägiger Bildung ausgerichtet sind.2

München
In München berücksichtigt das Standard-Raumprogramm im Schulbau bereits neue Maßstäbe der Schularchitektur. Grundlage ist die Überzeugung, dass ein zeitgemäßer Unterricht unterschiedliche Lernarrangements und -settings benötigt und entsprechend neue räumliche Rahmenbedingungen geschaffen werden müssen. Die Münchner Antwort auf diese Herausforderung ist das Lernhauskonzept. Das flexible und multifunktionale Raumkonzept soll die Lern- und Arbeitsbedingungen sowohl für Schülerinnen und Schüler als auch für Lehrkräfte verbessern. Dazu sind um eine offene Fläche in der Mitte jeweils die Klassenzimmer gruppiert und es gibt zusätzliche Räume für Ganztag, Differenzierung und Inklusion sowie Teamzimmer für das pädagogische Personal. Die Lernhaus-Cluster bilden dabei jeweils eine kleine Schule innerhalb der großen Organisation. Je nach Größe der Schule variiert die Anzahl der Lernhaus-Cluster. Dies ermöglicht mehr Flexibilität, wenn Erweiterungen notwendig werden.3

Pragmatisch, aber gut! Wie die Landeshauptstadt Hannover akuter Raumnot in Bildungseinrichtungen begegnet

Interview mit Stefan Rauhaus, Landeshauptstadt Hannover

Wachsende Quartiere, Schulstrukturreformen, Ganztag, neue Zuwanderung: Wie alle Großstädte steht Hannover, wenn es um den Ausbau der Bildungsinfrastruktur geht, vor großen Aufgaben. Was sind die größten Herausforderungen für den Fachbereich Schule in Hannover?

Eine große Herausforderung sind – bezogen auf den Zeitverlauf von der Geburt bis zur Einschulung – verlässlichere Prognosen und, da Bauvorhaben noch immer lange dauern, frühere Prognosen. Es gibt Unsicherheitsfaktoren, wie Einwohnerströme und aktuell der Familiennachzug bei Geflüchteten. Bei den Grundschulen gelingt die Berechnung schon relativ gut, da wir Einzugsbezirke haben. Bei den weiterführenden Schulen wird es schwieriger, da es in Niedersachsen in der letzten Zeit Gesetzesänderungen gegeben hat – die Wiedereinführung des neunjährigen Gymnasiums zum Beispiel, die uns Prognosen erschweren. Wir stellen uns Fragen wie: Gehen die Kinder eher an ein Gymnasium, wenn sie einen erweiterten Sekundarabschluss I haben oder in eine integrierte Gesamtschule? Wo müssen wir Kapazitäten anbauen? Wo hält der Boom an? Welche Schulen sind gerade gefragt?

Ist die Hürde der Prognosen überwunden, kommen wir in Hannover zum nächsten Problem: Die Stadt ist sehr verdichtet und hat wenige freie Flächen, die für den Schulbau zur Verfügung stünden. Wir müssen kurzfristige Raumlösungen finden und gleichzeitig langfristig planen: Wir rechnen von den ersten Planungsschritten eines Schulbaus bis hin zur Eröffnung mit vier, manchmal auch mit fünf Jahren. Zu diesem Zeitpunkt sind manche Kinder aber schon gar nicht mehr in der Schule oder auf einer anderen.

Sie waren bis April 2017 Fachbereichsleiter Kindertagesstätten im Fachbereich Jugend und Familie in Hannover und können daher gut vergleichen: Wie unterscheiden sich die Lösungsansätze zur Bewältigung von Raumnot im Kita- und Schulbereich? Welche Möglichkeiten sehen Sie, voneinander zu lernen?

Der Schulbereich hat eine ganze Zeit gebraucht, um daraus zu lernen, dass die Bevölkerungsprognosen nicht immer richtig sind, wir hier selbst initiativ werden müssen – das hat der Kitabereich vorher getan. Wir nutzen im Schulbereich jetzt die Zahlen aus dem Kitabereich, weil sie früher erhoben werden. Und wir haben die Qualität unserer eigenen Prognosen überprüft und verbessert, zum Beispiel für den Übergang in die Grundschulen. Unser dafür entwickeltes Modell wird wiederum dem Kita-Bereich zugutekommen.

Ansonsten geht es um eine bessere Zusammenarbeit, zum Beispiel bei der Suche nach Räumen: Wir stimmen uns untereinander häufiger dazu ab, ob man ein Schulgebäude nicht dazu nutzen könnte, dem Kitabereich zu helfen und umgekehrt. Leider müssen wir wegen eigener Raumnot immer mal wieder Kindertagesstätten aus Schulgebäuden raussetzen, das betrifft vor allem Hortangebote. Wir helfen dann dabei, neue Räumlichkeiten zu finden.

Bei der Nutzung von mobilen Raumeinheiten kann man sich sehr konkret gegenseitig etwas voneinander abgucken. So hat zum Beispiel der Kitabereich sehr interessante Moduleinheiten – also Container – aufgestellt, die vielseitig gestaltet werden können. Der Schulbereich geht gerade neue Wege, in dem er modulare Bauten aufstellt, die längerfristig stehen können, also Holzständerteile oder aus Holzständern gebaute transportable Kisten, die wiederverwendbar sind.

Wir stehen aber nach wie vor in Konkurrenz, vor allem um Flächen. Wenn zum Beispiel ein neues Baugebiet erschlossen wird, werden über städtebauliche Verträge in Hannover die Investoren aufgefordert, Kindertagesstätten zu bauen. Die Schulen muss die Stadt selber bauen und zusehen, dass sie einen Platz dafür bekommt.

Im vergangenen Jahr hat die Stadt Hannover die Investitionsoffensive „500 plus“ verabschiedet – 500 Millionen Euro investive Mittel zum Ausbau der städtischen Infrastruktur bis 2026. Der Löwenanteil der Mittel ist für den Bildungsbereich vorgesehen. Was ist Ihnen wichtig, wenn es darum geht, diese Chance zu nutzen?

Es versetzt uns in die Lage, Sanierungen oder Neubauten strategischer und langfristiger zu planen – wir haben eine erhöhte Planungssicherheit. Wir können jetzt umsetzen, was aufgrund der Haushaltslage länger nicht möglich war. Wir können z.B. Gymnasien erweitern, um die Rückkehr zum neunjährigen Gymnasium aufzufangen, Züge in verschiedenen Schulformen anbauen, ganze Schulen neu bauen und einen angemessenen Standard einführen. Es gibt für jede Schulform in der Landeshauptstadt Hannover ein eigenes Standardraumprogramm, in dem die curricularen Anforderungen an Räume je nach Zügigkeit abgebildet werden. Der Ganztagsbereich und die notwendigen Räume für Inklusion sind dort ebenfalls enthalten. Die Programme sind seit 2017 fortlaufend überarbeitet worden.

Schwierig bleibt, dass mit der Zeit die Baukosten steigen, sich Gegebenheiten vor Ort verändern, kurzfristig politisch andere Wünsche aufkommen oder mehr Menschen in eine Gegend gezogen sind als prognostiziert wurde. Und für die Stadtverwaltung ist es natürlich ganz grundsätzlich eine Herausforderung, in kurzer Zeit so viel zu bauen.

Zur Behebung akuter Raumnot wird es weiterhin Übergangslösungen brauchen. Mobilbauten sind eine schnelle Lösung. An qualitativ hochwertige Lernumgebungen denkt man dabei eher nicht. Was sind Ansatzpunkte in Hannover, mit Mobilbauten Lernraum qualitativ zu gestalten?

Was wir im Schulbereich über Mobilbauten gelernt haben, ist, dass diese qualitativ mindestens genauso gut ausgestattet sein müssen wie normale Unterrichtsräume in Schulen, beispielsweise mit Daten- und Wasseranschlüsse. Da sind die Bedürfnisse der Schulen stark zu berücksichtigen, diese Anlagen angenehm und gut zu gestalten. Es gibt immer mehr Schülerinnen, Schüler, Lehrerinnen und Lehrer, die die mobilen Einheiten schätzen, weil sie als Erweiterungsbauten häufig weiter weg vom Trubel sind.

Im Ganztag können wir mit Mobilbauten ganze Mensen anbauen. Da haben wir in den letzten Jahren viel dazu gelernt: Sie lassen sich tatsächlich so gestalten, dass es für alle Beteiligten akzeptabel ist. Wir können über Mobilbauten sehr kurzfristig Bedarfe abdecken und – wobei auch das nicht von heute auf morgen geht – den ursprünglichen Schulraum entzerren, sodass dort weniger los ist, wieder normale Klassenstärken möglich sind oder fehlende Differenzierung und Sprachlernklassen eingerichtet werden können. Das trägt insgesamt zu einer Verbesserung des Lernklimas bei und ist somit qualitätssteigernd.

Die Gewährleistung einer bedarfsgerechten Bildungsinfrastruktur ist Kernauftrag eines kommunalen Schulträgers. Lösungen für akute Raumnot zu finden ist sozusagen Ihr Tagesgeschäft. Parallel bauen Sie, auch mithilfe des Bundesprogramms „Bildung integriert“, Strukturen eines kommunalen Bildungsmanagements aus. Sehen Sie Bezugspunkte?

Ein kommunales Bildungsmanagement setzt darauf, die fachbereichsübergreifende Zusammenarbeit zu verbessern. Da haben wir am Beispiel der Realisierung von Übergangslösungen einiges erreicht – durch mehr Transparenz in der Planung, bessere Prognosen und Planungsqualität und mehr Flexibilität bei dem Abgleich der Rahmenbedingungen. Die Akzeptanz von „Provisorien“ wie Modulbauten, mobilen Bauten oder auch Zwischennutzungen und Auslagerungen ist nicht nur bei den Nutzerinnen und Nutzern gestiegen, sondern auch innerhalb von Verwaltung.

Programme wie „Bildung integriert“ helfen uns, mehr Faktoren in die Bedarfsabschätzung einzubeziehen. Wir konzentrieren uns auf die sogenannten sozialen Brennpunkte und Durchgangsgebiete – die klassischen Stadtteile für Neuankommende. Da brauchen wir eine noch bessere Datenlage, um adäquat reagieren zu können, zum Beispiel mit stärkerer individueller Förderung. Es hilft uns zu wissen, welche Bildungsangebote es neben der formalen Bildung in einem Quartier bzw. Stadtteil bereits gibt, um Unterstützungssysteme für Schulen zu organisieren, Vernetzung herbeizuführen und die Qualität in Schule und drumherum zu verbessern.

Das Interview führte Svenja Schönbeck

Stefan Rauhaus ist Bereichsleiter Schulplanung und Pädagogik im Fachbereich Schule der Landeshauptstadt Hannover

Endnoten:

1 Vgl. Stadler-Altmann, U. (2015). Gebaute Umgebungen als Lernumgebungen: Haben Schulgebäude und Klassenzimmer Einfluss auf Lehren und Lernen? In dies. (Hrsg.), Lernumgebungen. Erziehungswissenschaftliche Perspektiven auf Schulgebäude und Klassenzimmer. Opladen: Barbara Budrich, S. 49–68, das Zitat S. 55f.

2 Siehe: http://www.berlin.de/sen/bildung/schule/bauen-und-sanieren/ neue-schulen/schulraumqualiaet_band_1_web.pdf [Stand: September 2018]

3 Details zum Münchner Lernhauskonzept: http://www.ganztag-muenchen. de/das-muenchner-lernhauskonzept [Stand: September 2018]