Einleitung

Koordinierung im Kontext von Kommunalverwaltung

Mit der gestiegenen Zuwanderung im Sommer 2015, die vielfach irreführend als „Flüchtlingskrise“ bezeichnet wird, ist vielerorts sichtbar geworden, dass die Integration der zu uns gewanderten Menschen nur gesamtgesellschaftlich erreicht werden kann. Nachdem für die meisten Kommunen anfangs die Versorgung und Unterbringung der geflüchteten Menschen im Mittelpunkt standen, stehen die Kommunen nun vor der Aufgabe, die Integration der Neuzugewanderten in den Ausbildungs- und Arbeitsmarkt – und vor allem in das Bildungssystem zu ermöglichen. Dafür müssen Zugänge geschaffen werden. Bildungs- und Betreuungsangebote müssen bereitgestellt und erreichbar sein. Qualifizierungsmaßnahmen müssen entwickelt werden. Es gilt dabei alle relevanten Bildungsakteure einzubinden. Viele migrationserfahrene Kommunen (vor allem in den Ballungszentren) können dafür auf gewachsene Strukturen und Expertisen innerhalb und außerhalb der Verwaltung zurückgreifen. Andere Kommunen hingegen stehen erst am Anfang und müssen grundlegende Strukturen aufbauen.1 Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) unterstützt daher von 2016 bis 2020 im Rahmen der „Transferinitiative Kommunales Bildungsmanagement“ bundesweit Kommunen bei der Koordination der Bildungsangebote für Neuzugewanderte und hat die Mittel bereitgestellt, um Koordinatorinnen und Koordinatoren einzustellen. Ihre Aufgabe ist es, ein Bindeglied zwischen den für Bildung und Integration relevanten Funktionsbereichen innerhalb der Verwaltung zu sein und die Arbeit der außerhalb der Verwaltung wirkenden Akteure (bspw. Zivilgesellschaft, Wirtschaft) im Bereich der Integrations- und Bildungsangebote für Neuzugewanderte in den Kommunen zu koordinieren.

Hierfür braucht es eine lokale Verantwortungsgemeinschaft, innerhalb derer sich die Koordinierung wie eine „Spinne im Netz“ bewegt und die Fäden zusammenhält.2 Koordinierung ist neben der Steuerung ein wichtiger Baustein des datenbasierten kommunalen Bildungsmanagements und zielt darauf ab, die Qualität und Wirkung von Angeboten in der Kommune zu steigern. Koordinatorinnen und Koordinatoren sorgen dafür, dass Verwaltungen und lokale Bildungsakteure ihre Angebote besser aufeinander abstimmen (Kohärenz) und bei Bedarf neue Lösungen (z.B. Angebote, Instrumente, Verfahren) entwickeln können. Die Arbeit der Bildungskoordinatoren ist Teil neuerer verwaltungspolitischer Entwicklungen in den Kommunen. Diese und vergleichbare Stellen können das Potenzial zur Entwicklung neuer Arbeitsstrukturen und Organisationskulturen innerhalb der Kommunalverwaltungen entfalten. Diese möglicherweise agilere Arbeitsweise und der ganzheitliche Ansatz einer Querschnittsaufgabe können Verwaltungen helfen, um die Aufgabe der Gestaltung von Bildung vor Ort zu bewältigen. In vielen Kommunen entstehen neue Kooperations- und Koordinierungsstrukturen, die über Zuständigkeits- und Professionsgrenzen hinausgehen. Dafür werden Themen nicht wie lange Zeit üblich innerhalb der Linienstruktur, sondern im Querschnitt bearbeitet. Unter der Wahrung der Zuständigkeiten werden verschiedene Handlungsstränge miteinander verknüpft. Externe Partnerinnen und Partner, wie Fachakteure oder Vertreterinnen und Vertreter der Zivilgesellschaft, werden in entsprechende Netzwerkstrukturen eingebunden. Damit gibt es enge Bezüge zur Educational Governance, also der Steuerung und Koordinierung von Bildungsakteuren jenseits traditionellen Verwaltungshandelns. Der Aufwand zur Steuerung und Koordinierung von Bildungsangeboten für Neuzugewanderte in der Kommune ist nicht zu unterschätzen – für eine erfolgreiche Umsetzung bedarf es in erster Linie ausreichend personeller Ressourcen, die mit einem Auftrag und Mandat ausgestattet sind. Zusammengefasst: es braucht eine integrierte kommunale Handlungsstrategie für Bildung und Integration.

Im dem vorliegenden Themendossier soll das relativ junge Berufsbild der kommunalen Bildungskoordinatoren für Neuzugewanderte exemplarisch für die seit 20 Jahren im Wandel befindliche kommunale Bildungssteuerung dargestellt werden. Dabei handelt es sich bei der Bildungskoordination aus mehreren Gründen um eine voraussetzungsvolle Tätigkeit:
 
Viele Kommunen haben noch keine oder nur wenig Erfahrung in der Einrichtung und Nutzung derartiger Stellen.
 
Die Bildungskoordinatoren sind nicht mit klassischen Regelaufgaben der Verwaltung beauftragt, sondern mit einer Aufgabe, die es in der Form bislang noch selten gibt: fachbezogen ressortübergreifend koordinieren.
 
Diese strukturellen Herausforderungen für die Bildungskoordinatorinnen und -koordinatoren für Neuzugewanderte stellt das Themendossier in den Mittelpunkt. Die Empfehlungen für mögliche Erfolgsfaktoren beruhen weitgehend auf Beobachtungen aus bald zwei Jahren der engen Begleitung der Bildungskoordinatoren durch die Transferagenturen und ihren Programmangeboten. Das Dossier ist in zwei Teile mit je zwei Abschnitten unterteilt.
 
Den ersten Teil leitet ein historischer Abriss der Migration in Deutschland mit einer Beschreibung der Rolle von Kommunen in der Integration von Neuzugewanderten ein. Ein Seitenblick auf die Verwaltungsmodernisierungsprozesse seit den 1980er Jahren verdeutlicht den Bedarf an Steuerung in bildungs- und integrationspolitischen Fragen mithilfe groß angelegter Strukturförderprogramme wie „Lernen vor Ort“ und „Bildung integriert“.
 
Der zweite Teil setzt sich mit der kommunalen Bildungskoordination selbst auseinander. Zunächst erfolgt eine Beschreibung der Aufgaben, vor dem Hintergrund der Förderrichtlinie und eine Auseinandersetzung mit den Voraussetzungen für die Einrichtung einer Bildungskoordination. Interviews mit zwei kommunalen Akteuren geben Einblicke in die Zielsetzungen, die mit der Einrichtung der Koordinationsstelle verbunden wurden und der Art und Weise, wie sie ausgestaltet werden sollte, damit sie erfolgreiche Koordinierungsarbeit leisten kann und somit einen Mehrwert für die Verwaltungen bringen kann. Abschließend erfolgt eine Auseinandersetzung mit zentralen Herausforderungen, die den Bildungskoordinatoren in zwei Jahren Programmarbeit begegnet sind, sowie eine Herausstellung von Erfolgsfaktoren.

Die Darstellungen in dem Dossier erheben weder den Anspruch auf Vollständigkeit noch sind sie als eine Anleitung zu verstehen, die zu einer erfolgreichen Implementierung einer Koordinierungsstelle führt. Kommunen und Akteure „ticken“ unterschiedlich, die Rahmenbedingungen sind vielfältig und von vielen Faktoren beeinflusst. Idealerweise kann dieses Dossier aber einen Beitrag leisten, all diese Fragen und Voraussetzungen zu reflektieren und einen jeweils geeigneten Weg zu finden.

Endnoten:

1 Arant, Regina; Dragalov, Georgi; Boehnke, Klaus: Sozialer Zusammenhalt in Deutschland 2017. Bertelsmann Stiftung, Gütersloh 2017, auf: https://www.bertelsmann-stiftung.de/fileadmin/files/BSt/Publikationen/GrauePublikationen/ST-LW_Studie_Zusammenhalt_in_Deutschland_2017.pdf

2 Arbeitsgemeinschaft Weinheimer Initiative (Hrsg.): Definition Kommunale Koordinierung. 2013, auf: http://www.kommunale-koordinierung.de/konzept-kontext/konzept-kommunale-koordinierung/definition/