2. Kapitel

Ein wesentlicher Auftrag ist es, Transparenz in Bildungsangeboten herzustellen

Interview mit Mario Bischof
Bildungsmonitoring beim Amt für Jugend, Familie und Bildung der Stadt Leipzig

 

Wie sollte die Aufgabe der Koordinierung von Bildung als Querschnittsaufgabe implementiert werden?

Dort, wo sie wirkt! Doch das kann in jeder Kommune verschieden sein. Es kann sinnvoll sein, die Bildungskoordination als Stabsstelle beim Bürgermeister, beim Dezernenten oder beim Landrat anzusiedeln. Es kann aber auch sinnvoller sein, sie an bestehende Strukturen zu koppeln. Dies kann zum Beispiel ein Bildungsbüro sein, beziehungsweise die Stelle, die für ein strategisches datenbasiertes kommunales Bildungsmanagement zuständig ist.
In Leipzig wurden diese Strukturen im Rahmen von „Lernen vor Ort“ aufgebaut. Das Bildungsbüro wurde als Sachgebiet in der Abteilung Bildung im Amt für Jugend, Familie und Bildung implementiert. Es erschien daher logisch, die kommunale Koordinierung der Bildungsangebote an die bestehenden Strukturen anzukoppeln. Durch „Lernen vor Ort“ gab es auch bereits Steuerungsstrukturen, die vom Sachgebiet „Bildungsmanagement“ geschäftsführend bearbeitet werden, namentlich eine verwaltungsinterne Lenkungsgruppe und einen Steuerungskreis Bildungsmanagement. So konnte gewährleistet werden, dass die Ergebnisse des Projekts den relevanten Gremien oder Personen auf kurzem Weg zugespielt wurden. Eine weitere Erkenntnis ist die Bedeutung der Verbindung zu anderen Dezernaten und Ämtern. In „Lernen vor Ort“ haben wir gute Erfahrung mit Verwaltungstandems gemacht. So wurde dann auch in der Antragstellung für die Bildungskoordination für Neuzugewanderte mit verschiedenen Ämtern über Themenschwerpunkte beraten. Eine Teilverantwortung wurde entsprechend in den Ämtern verankert. Die neuen Kollegen sitzen partiell oder komplett in einem anderen Amt und kommen für Teambesprechungen zusammen.
Das Projekt war themenspezifisch mit den Schwerpunkten kulturelle Bildung, Bibliotheksangebote und Sport aufgebaut. Ein Kollege saß teilweise im Sportamt, ein anderer im Kulturamt. So konnte die Anbindung an die anderen Ämter sichergestellt werden. Hierzu sind eine enge Abstimmung und Austauschformate zwischen den beteiligten Ämtern und Fachverantwortlichen wichtig. Auf der anderen Seite darf die Teamentwicklung nicht aus dem Blick verloren werden.

Was kann eine Bildungskoordination in der Verwaltung leisten bzw. erreichen?

Eine Verlängerung der Bildungskoordination für Neuzugewanderte wurde in Leipzig nicht beantragt. Daher kann man bereits jetzt versuchen, zu beurteilen, was die Bildungskoordinatoren in der Verwaltung geleistet haben und erreichen konnten Aufgrund der zeitlichen Befristung der Förderung sind wir zu Beginn von einer kleineren Reichweite ausgegangen. In Leipzig wurde deshalb eine „Allianz der Willigen“ geschmiedet. Es wurden aktiv Partner gesucht, die bereits relevante und mit den Antragszielen kongruente Projekte bearbeiten. Der Wunsch war, sich gegenseitig zu unterstützen, um nicht komplett bei null anfangen zu müssen.

Für das Ziel der Angebotstransparenz wurde eine Kooperation mit der „Stiftung für Bürger in Leipzig“ eingegangen. Aus dieser Kooperation ist ein Wegweiser für Ehrenamtliche in der Flüchtlingsarbeit entstanden und der Transfer der interaktiven Angebotsplattform afeefa.de konnte realisiert werden. Zu Beginn wurden große personelle Ressourcen aus der Verwaltung in diese Plattform gesteckt, um das Netzwerk der lokalen Akteure zu entwickeln. Leitend war dabei auch die Hoffnung, dass dieses Projekt nachhaltige Wirkung und Strukturen entfachen würde. Dabei hatten wir auch die Zeit nach der Programmförderung im Blick. Ein weiterer Faktor, der das Gelingen der Bildungskoordination fördert, ist der politische Auftrag. In Leipzig lautete ein wesentlicher Auftrag, Transparenz in den Bildungsangeboten herzustellen. Daran konnten sich die Koordinatoren gut orientieren. In anderen thematischen Bereichen ohne klaren Auftrag, lief die Arbeit dafür zum Teil mühsamer.

Haben die Koordinatoren eine Arbeitsweise eingebracht, die untypisch ist für Verwaltung oder ist das nicht weiter aufgefallen?

Bei der Auftaktveranstaltung im März 2017 in Berlin hat eine Kollegin aus einem anderen Bundesland gesagt, dass es wichtig sei „da zu sein und Experte zu werden“. Ich würde das unterschreiben. Es ist wichtig, sich das Feld zu erschließen, zu versuchen ein Experte zu werden und Ansprechpartner für die Akteure in der Kommune zu sein. So können die Partner von dem Wissen profitieren. Es sind zwei sehr wichtige Schritte in der Verwaltung und in der Netzwerkarbeit in der Kommune, sich Wissen anzueignen und sich damit auch zu profilieren. Die meisten Kollegen in der Verwaltung sind sehr stark in die Bearbeitung von Regelaufgaben eingespannt. Es bleibt dabei kaum Zeit für Netzwerkarbeit.
Die Bildungskoordinatoren, deren Aufgabe auch das Netzwerken ist, können so einen klaren Mehrwert in die Verwaltung einbringen. Es ist auch wichtig, Themenfelder zu suchen, die von der Koordination bedient werden können und eine relevante Lücke in der Kommune darstellen. Dabei sollte jedoch immer die Regelstrukturen beachtet werden. Im Gegensatz zu Programmstellen wie der Bildungskoordination werden die Regelstrukturen schließlich bleiben. Man sollte nicht versuchen, bestehende Strukturen oder Personen zu ersetzen oder zu unterminieren.

Was und wo sind die Grenzen der Koordinierungsaufgaben?

Die Umsetzung des Programms findet in einer anderen Zeit als dessen Konzeption statt. Die Dramatik des Sommers 2015, unter dessen Vorzeichen das Programm gestrickt wurde, war bereits größtenteils verflogen, als die Bildungskoordination in Leipzig Anfang 2017 ihre Arbeit aufgenommen hat. Die Situation hatte sich bereits deutlich beruhigt. Die Anforderungen aus der Antragstellung waren zu diesem Zeitpunkt nicht mehr so dramatisch. Zum Beispiel hatte das Sozialamt die Deutschkurs-Vermittlung als eine zentrale Aufgabe gesehen. Anfang 2017 hatte das BAMF seine Homepage und die Deutschkurse allerdings bereits geordnet. Die kurze Laufzeit der Förderung erfordert einen gewissen Pragmatismus in der Umsetzung der Koordinierungsaufgaben. Es müssen umsetzbare Projekte angestoßen werden, die nicht liegen bleiben. Es war deshalb wichtig, die „Allianz der Willigen“ zu gründen, um diejenigen einzubinden, die wollen und mit denen Projekte realisierbar sind.

Ansonsten stößt man bei der Koordinierung von Bildungsangeboten für Neuzugewanderten an die üblichen Grenzen der Steuerung der Kommune. Es gibt nur einen kleinen Teil, der direkt steuerbar ist. Man kann versuchen, mithilfe von Netzwerken Einfluss auf die lokalen Akteure zu nehmen. Dennoch bleibt beispielsweise die Entscheidung, welche Angebote die Bildungsanbieter vorhalten bei den Anbietern selbst. Es ist in der Regel nicht möglich, dort direkt zu steuern. Es kann versucht werden mithilfe von Analysen und Gesprächen in den Netzwerken Einfluss zu nehmen, aber einen direkten Steuerungseinfluss gibt es kaum. Die Anbieter arbeiten schließlich autonom. Es wird vor allem über die Menschen, aber selten mit ihnen gesprochen. Der Zuschnitt der Bildungskoordination lässt es kaum zu, mit den Zielgruppen in Kontakt zu treten. Der Kontakt zu den Zielgruppen findet in der Regel höchstens mittelbar über die Bildungsanbieter oder Sozialarbeiter in den Unterkünften für Geflüchtete statt. Es ist deshalb wichtig, einen regelmäßigen Realitätscheck zu haben. Die Leipziger Bildungskoordinatoren haben deshalb auch Unterkünfte besucht und zum Beispiel einen Workshop mit Geflüchteten durchgeführt, um deren Anliegen abzuholen. Indem sie operative Maßnahmen stark einschränkt, setzt die Förderrichtlinie eine klare Grenze der Bildungskoordination. Der Effekt, einzelne Menschen in Kurse zu vermitteln wäre schließlich bei vergleichsweise hohem Aufwand recht gering. Es ist daher richtig, Einzelfallbearbeitung auszuschließen. Einige Stellen innerhalb der Verwaltung hätten sich diese Arbeit durch die Bildungskoordination gelegentlich gewünscht. Es ist deshalb wichtig, diese Grenze immer klar vor Augen zu haben und zu kommunizieren.