Warnhinweis: Mythen!

Von Anika Duveneck, Erziehungswissenschaftlerin, FU Berlin

Die Forschung zu Bildungslandschaften zeigt, dass das Konzept auf überzeugenden Annahmen beruht. Sie sind so überzeugend, dass sie kaum hinterfragt werden. In der Praxis gehen sie so jedoch häufig nicht auf. Um die Ziele zu erreichen, braucht es mehr bzw. anderes Wissen. Hier widmen wir uns „Mythen“ im Feld der Bildungslandschaften und tragen Erkenntnisse aus zehn Jahren Forschung bei. 1

 

 
Der Mythos
Bildungskonferenzen als Beteiligungsgremien
 
Die Annahme
Ein zentrales Ziel in Bildungslandschaften ist die bedarfsorientierte Gestaltung der Bildungsbiografien junger Menschen, um Bildungsbenachteiligung entgegenzuwirken. Bildungskonferenzen sind die Gremien, in denen die lokalen Akteure ihr Wissen über die konkreten Bedarfe einbringen und wichtige Ressourcen zu einer Steuerung von Bildung beitragen können, die sensibel für die spezifischen Bedarfe lokaler Kontexte ist.
 
Die Erfahrungen
In thematischen Arbeitsgruppen werden zwar überaus anspruchsvolle Konzepte und Empfehlungen für eine bedarfsorientierte Gestaltung der Bildung vor Ort erarbeitet. Sie finden sich in Entscheidungsprozessen jedoch häufig kaum wieder. Entscheidungen werden weiterhin „von oben“ und nach anderen Kriterien getroffen. So groß die Erwartungen an eine Mitwirkung an Bildungskonferenzen sind, so groß war in der Vergangenheit am Ende häufig die Ernüchterung.

Die Gründe
In der Regel teilen alle Akteurinnen und Akteure das Ziel, dass Bildungslandschaften im Interesse der Adressatinnen und Adressaten sein müssen – wer wäre auch schon dagegen? Das täuscht jedoch darüber hinweg, dass nicht alle Beteiligten gleichermaßen danach handeln können. Zwar sind gemeinsame Haltungen fraglos die Voraussetzung für gemeinsames Handeln. Entscheidend für die praktische Umsetzung sind jedoch die Logiken und institutionellen Interessen, die ihre Handlungsmöglichkeiten prägen.
Mit Blick auf das Verhältnis zwischen Beteiligung und Steuerung von Bildungslandschaften lassen sich zwei Logiken unterscheiden: Die Idee einer partizipativen Bildungssteuerung folgt einer fachlichen Logik (1), die von den Bedarfen junger Menschen ausgeht und fragt, was eine bestmögliche Förderung erfordert. Diese Logik prägt die Debatte um Bildungslandschaften und die Haltung der beteiligten Akteure. Unabhängig von ihrer persönlichen Haltung können Entscheidungsträgerinnen und –träger auf Steuerungsebene jedoch nicht allein nach fachlichen Kriterien handeln: Sie müssen zahlreiche weitere Faktoren wie politische Zielvorgaben, Themenkonjunkturen, Wahlverhalten, Fragen der Rechtssicherheit und in den letzten Jahren knappe Ressourcen berücksichtigen. Eine zentrale Herausforderung ihrer Arbeit besteht darin, möglichst schnell und sichtbar Handlungsfähigkeit zu demonstrieren. Diese Ebene ist durch eine politische Logik (2) geprägt.
Die politische Logik fällt punktuell durchaus mit fachlichen Logiken in eins, etwa wenn es um attraktivere Schulgebäude oder bessere Abgangsquoten geht. Nur allzu häufig laufen sich pädagogische Bedarfe oder konkrete Bedürfnisse junger Menschen jedoch zuwider. Politische Logiken überprägen fachliche Entscheidungen und führen zu Enttäuschung und Frustration.

Der Ausblick
Dass fachliche und politische Logik nicht ineinander fallen, sondern einander widersprechen können, spricht nicht gegen Bildungskonferenzen oder Beteiligung in Bildungslandschaften. Entscheidend ist ein bewusster Umgang damit. Es kommt darauf an, sie nicht zu negieren oder gar zu verurteilen, sondern sie anzuerkennen, zwischen ihnen zu vermitteln und den Mythos durchaus strategisch zu nutzen, um Freiräume für fachliches Handeln zu schaffen. Mit dem Wissen über die verschiedenen Handlungslogiken und ihre Bedeutung für die Gestaltung von Bildungslandschaften sind die Voraussetzungen für das Erreichen der gemeinsamen Ziele besser denn je.

Das Konzept der „Mythen“ haben Stolz et al. 2011 aus dem Neoinstitutionalismus in die Debatte um Bildungslandschaften eingeführt, Stefanie Schmachtel hat es weiterentwickelt. Mehr dazu unter Schmachtel, Stefanie (2019): Die Sache mit den ‚Mythen‘ bezüglich des weiten Bildungsbegriffs. Blogbeitrag auf http://www.neuordnungen.he-hosting.de/2019/04/29/stefanies-input/