„Ich möchte weg von dem Bildungstoaster und neue, flexible Lernorte gestalten.“

Jan-Christopher Rämer im Interview

Jan-Christopher Rämer ist Bezirksstadtrat in Berlin-Neukölln. Aufgewachsen in Neukölln hat er eine besondere Sicht auf seinen Bezirk. Wir haben ihn nach seiner Vision für mehr soziale Gerechtigkeit gefragt.

Im Süden Neuköllns zwischen Gropiusstadt und Rudow wird der Campus Efeuweg entwickelt. Bezirksamt, Senatsverwaltungen, freie Träger, Universitäten und Unternehmen arbeiten zusammen, damit eine Bildungslandschaft für Kinder, Jugendliche und Erwachsene entsteht. Was ist die Vision dahinter?

Der Campus Efeuweg ist ein bildungspolitisches und stadtplanerisches Gesamtkonzept. Bildung ist hier integrierter Bestandteil von Stadtentwicklung. Dazu schauen wir nicht nur auf jede Einrichtung für sich, sondern wir entwickeln übergreifende Perspektiven. Der Campus soll gemeinsam von den ansässigen Schulen, dem Jugendclub, der Kindertagesstätte, der Volkshochschule, der Musikschule sowie Bewohnerinnen und Bewohnern genutzt werden. So können wir den Campus mit mehr Angeboten als nur mit Schule aufladen – im Sinne des lebenslangen Lernens. Ich möchte von diesem Bildungstoaster wegkommen: „Du hast zehn Jahre und danach fliegst du raus. Und je nachdem, was du geschafft hast, da mitzunehmen, viel Glück in deinem restlichen Leben.“ Dafür brauchen wir neue Bildungsorte!

Wie trägt das zu mehr sozialer Gerechtigkeit bei?

Es darf eigentlich keinen Unterschied machen, ob ich in Neukölln oder in Wilmersdorf wohne! Macht es de facto aber. Wenn für den Bildungserfolg nicht nur die soziale Herkunft, sondern auch der Wohnort entscheidend ist, dann muss man eine räumliche Antwort finden. Wenn ich herausragende Schulen bewusst an Orte baue, wo die Ausgangslage schwierig ist, dann setze ich nicht nur ein Signal an die dortige Bevölkerung, sondern ich gebe Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen die Chance auf eine gute Begleitung und Bildungserfolg. Das hat viel mit politischem Willen zu tun. Und man muss das gegenüber anderen Interessengruppen rechtfertigen. Aber wenn man einen Leuchtturm bauen möchte, reichen zwei Bausteine nicht aus. Außerdem glaube ich, dass das aktuelle Schülerwachstum dazu führen wird, dass sich die Nachbarschaft wieder stärker in den Grundschulen abbildet. Da werden wir mit der Gerechtigkeitsfrage vielleicht auch einen Schritt weiterkommen, weil die Gefahr reduziert wird, dass sich Eliteschulen bilden, in denen sich bildungsorientierte Eltern sammeln.

„Ich mache einen guten Bildungsort, dann habe ich einen zusätzlichen Pullfaktor. Auch um Familien vor Ort zu halten.“ Die degewo, so Rämer, hat als Wohnungsbaugesellschaft Verantwortung übernommen für ein Wohngebiet in schwieriger sozialer Lage.

Beim Campus Efeuweg setzen Sie bewusst auf Beteiligung. Warum?

Wir müssen wegkommen von dem Gedanken: Was sich die Verwaltung ausgedacht hat, ist der Glücks- und Heilsbringer für alle. Den Campus Efeuweg haben wir von Anfang an beteiligungsorientiert geplant, damit die Akteure und Nutzer sich dort wiederfinden. Beteiligung ist dann Ideengeber und Inspiration, aber auch Korrektiv! Einfach nur ein Wünsch-dir-was zu bauen, funktioniert auch nicht. Da finde ich wichtig, ehrlich und offen zu sein – und als Schulträger auf Dinge hinzuweisen. Ich glaube, die Mehrzeit, die Beteiligung dauert, holt man am Ende wieder rein, weil es später weniger Diskussionen gibt. Letztendlich gilt das auch nach innen. Wenn man Visionen gemeinsam entwickelt, dann sind daran auch die Mitarbeitenden in Verwaltung beteiligt. Wenn ich weiß, ich habe einen Teil beigesteuert, dann läuft vieles von alleine.

Hat der Prozess auch zu Veränderungen innerhalb von Verwaltung geführt?

Das geht schon in der Konzeptaufstellung los. Ich muss dafür sorgen, dass jeder seine Expertise einbringen kann: Ich kann z. B. keinen Schulplaner etwas zur Nutzung einer Volkshochschule schreiben lassen. Außerdem brauche ich die Straßenverkehrsbehörde, den Fachbereich Sport mit seinen Sportflächen, die Stadtentwicklungsverwaltung für die Umfeldgestaltung. Um das übereinander zu bekommen, müssen sich die Leute an einen Tisch setzen. Das hat auch etwas mit Augenhöhe zu tun. Niemand sollte den Chef raushängen lassen. Bei so vielen Partnern in Verwaltung ist dann eine der größten Herausforderungen, dass die politischen Absichtserklärungen auf Leitungsebene letztendlich auf allen Arbeitsebenen ankommen. Da hat es sich bewährt, dass wir eine Person haben, die sich den ganzen Tag mit dem Projekt beschäftigt und in die entsprechenden Koordinierungs- und Kommunikationsstrukturen eintreten kann. Das kann eine politische Leitung allein nicht leisten. Was sich auch geändert hat: Wenn sich die Akteure kennen, ist es später nichts Exotisches mehr, wenn wir für andere Vorhaben Stadtentwicklung und Jugend einbinden. Die Herausforderung ist, bestehende Strukturen zu nutzen und nicht immer neue Runden aufzusetzen.

Wenn Sie eine Verwaltungsvision entwerfen aus den Erfahrungen beim Campus Efeuweg, wie müsste sich die Zusammenarbeit entwickeln?

Wenn wir ein strukturiertes Bildungsmanagement hätten, das die entsprechenden Player nicht nur ad hoc zusammenbringt, sondern kontinuierlich, dann ließe sich noch mehr gestalten. Transparenz ist hier ein Thema. Ein großes Problem ist immer noch die Unkenntnis über die Angebote. Selbst in meiner eigenen Abteilung. Klar, ich bekomme von allen Bereichen alles mit. Aber ansonsten gibt es kaum eine Stelle, die die Fäden zusammenführt. Wenn wir dann noch ein Bildungsmonitoring hätten, wäre meine Idealvorstellung: Wir stellen Bedarfe fest, unterlegen das mit Befunden aus den verschiedenen Bereichen und entwickeln Maßnahmen. In Neukölln können wir viel aus dem Programm Soziale Stadt und von den Quartiersmanagements lernen. Da gibt es die Erfahrung, wie sich Akteure mit verschiedenen Zuständigkeiten um ein Gebiet kümmern. Langfristig muss es darum gehen, diese Kompetenz der Querschnittszuständigkeiten weiterzuentwickeln. Auch wenn man einen vermeintlichen Einflussverlust fürchtet. Ich bin ein Kind der Sozialen Stadt, da braucht es keine Befindlichkeiten. Letztendlich brauchen wir abgestimmte Planungsräume! Meine Vorstellung ist, dass die Frage von Bildungsmonitoring, sozialräumlicher Planung und Bildungsverbünden in der Querschnittsaufgabe die Nachfolge des Quartiersmanagements antritt. Den enormen Erfahrungswert der Kolleginnen und Kollegen gilt es zu nutzen und fortzuführen.

Förderprogramme nutzen

Auf dem Campus Efeuweg entsteht das Zentrum für Sprache und Bewegung. Es wird nicht nur von Schulen, der Volkshochschule und der Musikschule genutzt, es bietet auch Räumlichkeiten für die Kooperation mit ALBA Berlin, für Gastronomie sowie für die Bewohnerinnen und Bewohner. Das Zentrum wird u. a. durch das Bundesprogramm „Nationale Projekte des Städtebaus“ mit 2,7 Millionen Euro gefördert. Hier gelten andere Richtlinien als beim Schulneubau. Das ermöglicht gestalterische Spielräume.

Das Interview mit Jan-Christopher Rämer ist zuerst erschienen in "bewegt – Magazin für kommunale Bildungslandschaften" 2/2017, das Sie hier kostenfrei als Printausgabe bestellen können.