„Die Zukunft unserer Stadt geht täglich durch die Türen unserer Kitas und Schulen“

Interview mit Dr. Manfred Beck, Stadtdirektor Gelsenkirchen, Kultur, Bildung, Jugend, Sport und Integration
Interview mit Dr. Manfred Beck, Stadtdirektor Gelsenkirchen, beim Kommunalsalon "Neue Migration" in Gelsenkirchen

Zwar erlebt Nordrhein-Westfalen schon seit Jahren die Zuwanderung von Menschen aus Südosteuropa. Der aktuelle Flüchtlingsstrom stellt aber auch zuwanderungserprobte Städte wie Gelsenkirchen vor besondere Herausforderungen. Und dennoch oder gerade deshalb hält Stadtdirektor Manfred Beck an seiner Vision für Gelsenkirchen fest.

Gelsenkirchen hat aktuell akute Probleme zu bewältigen – bleibt da Zeit für den Auf bau integrierter Strukturen?

In Gelsenkirchen brennt die Hütte, richtig. Wir haben jedoch ein Interesse daran, diese Herausforderung qualifiziert anzugehen. Natürlich müssen Notmaßnahmen laufen, Notunterkünfte werden von Flüchtlingen bezogen, z. T. noch ehe die Inneneinrichtung fertig ist. Aber wir müssen auch dafür sorgen, dass das Gemeinschaftsleben weiter funktioniert – mit Neuzuwanderern, mit Flüchtlingen. Gerade weil das so ist, ist es notwendig, Input zu erhalten, sich mit anderen Kommunen darüber auszutauschen und Konzepte zu erstellen – was wir für die EU-Binnenwanderung und die Integration von Flüchtlingen getan haben.

Sie haben in Gelsenkirchen seit Jahren mit verstärkter Zuwanderung zu tun. Helfen Ihnen diese Erfahrungen, mit dem aktuellen Flüchtlingsstrom umzugehen?

Sie helfen natürlich im Grundsatz, weil die Instrumente, die wir entwickelt haben, die richtigen sind für Menschen, die ohne Kenntnisse der deutschen Sprache und Kultur in dieses Land kommen. Sie helfen allerdings nur be grenzt dort, wo es wirklich um Notmaßnahmen geht: Wir mussten beispielsweise eine Eishalle in Gelsenkirchen umrüsten, um 300 Menschen kurzfristig unterzubringen. Solche Dinge sind neu und „flüchtlingsspezifisch“. Viele andere Mechanismen sind jedoch aufgrund von Zuwanderung aus anderen EU-Staaten erprobt: die Brückenfunktion zum Übergang in Regelsysteme, wie Kindertageseinrichtungen, Schulen, oder Stützmaßnahmen zum Übergang Schule-Beruf. Unsere Mobile Kita als eine dieser Brückenmaßnahmen ist z. B. breit durch die Medien gegangen.

Integrierte Planung in den Kommunen wird durch einige Landesprogramme in NRW gefördert. Die Transferinitiative des BMBF unterstützt darüber hinaus Kommunen beim Aufbau eines kommunalen Bildungsmanagements. Wie lässt sich darauf aufbauend eine kommunale Strategie entwickeln?

Zum einen ist es hilfreich, wenn sich Kommunen entsprechend ihrer eigenen Strukturen aufstellen. In Gelsenkirchen haben wir sehr früh das Jugendamt mit der Schulverwaltung zusammengelegt, um Erziehung und Bildung aus einem Guss zu erzeugen. Beides befindet sich in meinem Dezernat, in dem auch das kommunale Integrationszentrum eingebunden ist. So ist der fachliche Austausch gewähr leistet. Die Frage ist, welchen Stellenwert das alles in einer Stadtverwaltung und -gesellschaft hat. Der Oberbürgermeister von Gelsenkirchen betont bei jeder Gelegenheit, dass die Zukunft dieser Stadt täglich durch die Türen unserer Kindertageseinrichtungen und Schulen gehe. Darauf fußt unsere kommunale Strategie. Das Programm „Kein Kind zurück lassen“ muss auch für Neuzuwanderer-Kinder gelten.

Was ist schwieriger für eine Stadt: schrumpfen oder wachsen?

Schrumpfen ist eine Herausforderung, weil es darum geht, Strukturen zurückzubauen, und das in Zeiten, in denen die Finanzen für eine bedarfsgerechte Infrastruktur fehlen. Weniger Einwohner bedeuten geringere finanzielle Zuflüsse. Das Zurückführen von Strukturen kostet aber auch Geld. Um es mal ganz platt zu sagen: „Wenn Strukturen schrumpfen, sind Schulen nicht mehr an der Stelle, wo sie gebraucht werden.“ Das Umsteuern von Schrumpfen auf Wachsen ist eine erneute Herausforderung, die auch die staatliche Seite betrifft. Wenn ich der Kommunalaufsicht erzähle, dass wir leider die Schulgebäude weiterhin benötigen, die wir aufgeben wollten, sagt sie mir: „Und was liefern Sie alternativ, Herr Beck?“ Das ist eines der Probleme, mit denen wir umzugehen haben. Ich finde es deshalb spannend, dass wir uns in einer solchen Situation dafür entschieden haben, am Wettbewerb des BMBF „Zukunftsstadt 2030+“ mitzuwirken. Wir haben die erste Stufe bewältigt und wollen im nächsten Schritt unser akutes Problem einbauen. „Zukunftsstadt“ heißt auch „Zukunftsstadt mit Zuwanderung“. Zuwanderung von Menschen, die aus Regionen mit großer Armut, aus Kriegssituationen kommen, die traumatisiert sind. Das schlägt sich in den Familien nieder. Es prägt das Leben.

Mit „Zukunft Stadt 2030+“ setzen Sie offensiv auf Zuwanderung als eine Chance für Gelsenkirchen. Was ist Ihre Vision für das Jahr 2030?

Unsere Vision ist die einer „lernenden Stadt“. Wir orientieren uns dabei sehr stark am Weltaktionsprogramm „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ der Vereinten Nationen. Im Kern geht es darum, allen Einwohnerinnen und Einwohnern sowie allen Institutionen etwas zu vermitteln, was die Deutsche UN-Kommission als „Gestaltungskompetenz“ bezeichnet. Dies ist Voraussetzung für die Partizipation an gesellschaftlichen Entscheidungsprozessen. Ich bin der festen Überzeugung, dass es mit dem Ruhrgebiet wieder aufwärts geht und bei diesem Prozess die heutigen Neuzuwanderer ihre Rolle spielen werden. 2030 wird es hoffentlich nur noch Einzelfälle von Schülerinnen und Schülern ohne Abschluss in Gelsenkirchen geben und für jede und jeden einen vernünftigen Einstieg in das Berufsleben. An der Gestaltung des Gemeinwesens werden alle Gruppen von Einwohnern mitwirken.

In unserem Großstadtnetzwerk trifft sich regelmäßig eine Fachgruppe zum Thema "Diversität und Bildung.

Das Interview mit Dr. Manfred Beck führten wir auf dem Kommunalsalon "Neue Migration" in Gelsenkirchen. Zur Dokumentation geht es hier. Zuerst erschienen ist es in "bewegt – Magazin für kommunale Bildungslandschaften" 1/2016, das Sie hier kostenfrei als Printausgabe bestellen können.