"Kommunen brauchen Formate, um sich über Bildung zu verständigen."

Interview mit Klaus Hebborn, Beigeordneter des Deutschen Städtetags
Klaus Hebborn, Beigeordneter des Deutschen Städtetags

„Erfolg oder Misserfolg von Bildung entscheidet sich auf kommunaler Ebene“ – diesen Satz hat der Deutsche Städtetag bereits 2007 in der Aachener Erklärung formuliert. 2012 haben die Kommunen klare Forderungen an Bund und Länder gestellt: die Weiterentwicklung kommunaler Bildungslandschaften, die Förderung des Ausbaus durch die Länder, die Ausstattung der Kommunen mit den entsprechenden finanziellen Mitteln durch Bund und Länder sowie die Abschaffung des Kooperationsverbots. Im Interview erklärt Klaus Hebborn, wie er die Lage der Kommunen aktuell sieht.

Bildung ist ein Talkshow-Thema geworden, von dessen Relevanz niemand mehr überzeugt werden muss. Befördert die mediale Aufmerksamkeit die Bemühungen um kohärentes Bildungsmanagement in den Kommunen?

Nehmen wir die bundesweite Debatte um die erste PISA-Studie von 2001. Da gab es zwei Kernpunkte: Qualität von Bildung und Bildungsgerechtigkeit. Beides sind Fragen, die ganz konkret auf kommunaler Ebene aufschlagen. Die Kommunen sind der Ort, wo die Bildungsarmut sichtbar wird. Ungerechte Bildungschancen können Sie an ganz konkreten Entwicklungen festmachen, an bestimmten Stadtteilen, an Zahlen und Fakten. Die Debatte über Bildungsgerechtigkeit manifestiert sich also in den Kommunen und sie befördert das kommunale Nachdenken über Bildung und damit auch das Engagement. Das Problem ist, dass die Kommunen alleine diese Probleme nicht lösen können. Deswegen sagen wir: Bildung ist eine gemeinsame Aufgabe und braucht ein Ineinandergreifen aller drei Ebenen: von Bund, Land und Kommune. Aber wir brauchen auch – und das ist auf der kommunalen Ebene immer ein großes Thema – die Zivilgesellschaft und insbesondere die Eltern als Bildungsträger und Bildungsverantwortliche. Auch deshalb ist das Thema immer ein immanent kommunales: Die Eltern formulieren ihre Ansprüche, ihre Forderungen und auch ihre Kritik vor Ort. Darauf müssen die Kommunen reagieren.

Mittlerweile ist den meisten Kommunen klar, dass Bildung ein harter Standortfaktor ist. Was sind die besonderen Herausforderungen für Großstädte, die Bildung voranbringen wollen?

In Großstädten ist das auf jeden Fall die Differenziertheit der Verhältnisse. In Kommunen wie Köln, Hamburg oder Berlin ist alles XXL. Und je nachdem in welchen Stadtteil, Stadtbezirk oder sogar in welches Quartier man geht, sieht die Lage völlig anders aus. Die große Herausforderung liegt darin, Konzepte zu entwickeln, die zu den jeweiligen Sozialräumen passen. Es gilt, Kräfte zu konzentrieren, Ressourcen zu bündeln, Lösungen und Maßnahmen auf Stadtteile und einzelne Quartiere maßzuschneidern und umsetzen. Die Schwierigkeit liegt dabei in der Gleichzeitigkeit von Makrostrukturen und Mikromaßnahmen. Die zweite Herausforderung ist die Kooperation der unterschiedlichen Fachbereiche: Die gilt es zu fördern und letztlich auch wirksam werden zu lassen im Rahmen eines klassischen kommunalen Bildungsmanagements.

Welche Anreize kann man Ressorts innerhalb einer Verwaltung geben, damit sie kooperieren?

Ganz wichtig ist es, den unterschiedlichen Fachbereichen ihre fachliche Identität zu lassen. Es kann nicht sein, dass z. B. Jugendhilfe zum Erfüllungsgehilfen von Schule gemacht wird. Denn da ergeben sich sofort Widerstände. Die jeweiligen Fachbereiche müssen erkennen, dass sich aus der Zusammenarbeit ein Mehrwert ergibt – z.B. weil die eigene Arbeit nicht so schnell an Grenzen stößt. Man kann natürlich auch über finanzielle Anreize nachdenken. Einige Städte tun das bereits: Es wird ein gemeinsames Budget vereinbart, in dessen Rahmen die Ressorts kooperieren. Das verleiht der Zusammenarbeit zusätzlich eine gewisse Verlässlichkeit und Dauerhaftigkeit. Im Kern geht es darum, dass für alle Beteiligten eine Win-Win-Situation entsteht. Das Thema Ganztag an Schulen ist ein gutes Beispiel: Da kann Schule nicht ohne Jugendhilfe und Kultur – und umgekehrt gilt das Gleiche.

Gibt es ein Learning aus „Lernen vor Ort“, von dem die Kommunen am meisten profitieren können?

Für mich gibt es zwei essentielle Ergebnisse: Erstens die Erkenntnis, dass Kooperation alleine nicht reicht, sondern dass es institutionelle Strukturen braucht – auf neudeutsch „Bildungsmanagement“. Es bedarf einer verlässlichen Struktur und eines Kümmerers, um eine gewisse Nachhaltigkeit zu erreichen. Natürlich brauchen wir weiterhin die engagierten Leute. Aber dennoch muss man das personenüberdauernd – ich sage bewusst nicht personenunabhängig – in eine feste Struktur bringen. Dazu gehört eine Art Geschäftsstelle, z. B. ein Bildungsbüro, um diese Vernetzung auf Dauer anzulegen. Und zweitens hat sich unter den teilnehmenden Kommunen die Erkenntnis durchgesetzt, dass es für all diese Fragen von Steuerung und Koordinierung Daten als Grundlage braucht, um überhaupt handeln zu können. Wichtig dabei ist: Ich brauche keine Daten für die ganze Stadt, à la „Die Schulabbrecherquote in Nürnberg beträgt 10,2 Prozent“. Sondern man braucht das runtergebrochen auf Stadtteil und Sozialraum, um ganz gezielt Maßnahmen zu ergreifen.

Bund und Länder legen zahlreiche Programme auf, um integriertes Handeln in den Kommunen zu fördern. Wie können Kommunen in diesem Angebotsdschungel gut navigieren?

Das ist tatsächlich ein Problem. Es gibt so unglaublich viele und vielfältige Programme, dass die Kommunen oft große Schwierigkeiten haben, noch durchzusteigen. Wenn es schon eines Navigators auf kommunaler Ebene bedarf, dann ist doch etwas schiefgelaufen. Selbst innerhalb der Länder gibt es zum Teil Doppelförderungen oder ähnliche Programme. Unsere Forderung an Bund und Länder ist seit Jahren: Koordiniert euch besser, stimmt eure einzelnen Programme aufeinander ab. Zudem sind die Chancen von Kommunen sehr unterschiedlich: Größere Kommunen haben ganze Abteilungen, die sich damit beschäftigen, wie sich europäische Programme und Bundesprogramme am besten nutzen lassen. In kleineren Städten ist so etwas kaum möglich. Ich halte das für einen Mechanismus, der das Problem der Disparität zwischen den Kommunen noch verschärft. Wir brauchen eine differenzierte Bildungsfinanzierung, also Förderung nach Bedürftigkeit.

Glauben Sie, dass die Transferinitiative des Bundes und die Transferagenturen für Großstädte da hilfreich sein können?

Ja, und zwar in dreifacher Weise: Erstens können die Transferagenturen ein Informationsumschlagplatz sein und die Städte mit Informationen versorgen, die nicht bei „Lernen vor Ort“ waren oder noch am Anfang stehen in Hinblick auf die Entwicklung eines Bildungsmanagements und Monitorings. Zweitens können sie ein Forum für Erfahrungsaustausch der Städte untereinander sein, ihn fördern und organisieren. Die Erfahrungen von „Lernen vor Ort“ haben gezeigt, dass die Themen und die Beratungsbedarfe der Kommunen durchaus ähnlich sind. Das lässt sich bündeln und zusammenfassen. Und drittens kann über die Transferagenturen sehr gut Beratung organisiert werden. Das halte ich für sinnvoll und nachhaltig in Hinblick auf das Ziel, eine gewisse Flächenwirkung von „Lernen vor Ort“ zu erreichen. Es gilt, den Erfahrungsaustausch der Kommunen untereinander weiterzuentwickeln. Ich hoffe, dass mit Hilfe der Transferagenturen Formate entstehen, in denen Kommunen sich gemeinsam über Bildung verständigen. Und dass diese auch Projektlaufzeiten überdauern und weiter lebendig bleiben.

Das Gespräch mit Klaus Hebborn führten wir im Rahmen des Auftakts der Transferagenturen für Großstädte. Die Dokumentation der Veranstaltung mit Filminterview von Franziska Giffey gibt es hier.

Das Interview ist zuerst erschienen in "bewegt – Magazin für kommunale Bildungslandschaften" 1/2015, das Sie hier kostenfrei als Printausgabe bestellen können.
„Das Kooperationsverbot muss weg“ – ein weiteres Interview mit Klaus Hebborn lesen Sie hier.