Ganzheitliche Schulentwicklungsplanung nach Bielefelder Art

„Ganzheitlicher Schulentwicklungsplan 2020 – 2030“ heißt das Ergebnis des Prozesses rund um die Schulentwicklungsplanung (SEP) der ostwestfälischen Großstadt. Dr. Anna Klein und Lutz C. Popp, Team Ganzheitliche Schulentwicklungsplanung im Amt für Schule der Stadt Bielefeld, erzählen im Interview, wie sich der zweijährige Planungsprozess gestaltet hat, vor welchen Herausforderungen sie standen und welche Möglichkeiten sie nutzen konnten.

Welche Hintergründe haben zum Prozess des ganzheitlichen Schulentwicklungsplans geführt?

Anna Klein: Die Schulentwicklungsplanung unterliegt vielen Anforderungen. Zum Teil ergeben sie sich aus stadtgesellschaftlichen Trends und aus fachlichen und organisatorischen Vorgaben und Standards. Aber auch die breitgefächerten Erwartungen der vielen Akteur:innen in diesem Bereich spielen hier eine große Rolle. 

Lutz C. Popp: Dazu kommt, dass Bielefelds Stadtbevölkerung seit einigen Jahren wächst. Für das Schuljahr 2025/26 rechnen wir damit, dass im Grundschulbereich die Anzahl der Schülerinnen und Schüler um 2.800 steigen wird. Das ist natürlich eine herausfordernde Entwicklung, die die Stadtverwaltung und die gesamte Bildungslandschaft zum Handeln zwingt. 
 
Was ist an der aktuellen Schulentwicklungsplanung anders?
 
Anna Klein: In der Vergangenheit wurde Schulentwicklungsplanung eher anlassbezogen umgesetzt. Es wurden jährlich die quantitativen Prognosen über die Anzahl der Schüler:innen fortgeschrieben und auf politische Anfragen reagiert. Eine mittel- bis langfristige Planung fand kaum statt. Es stand vielmehr die Frage im Vordergrund: Wo brauchen wir in den nächsten Schuljahren wie viele Schulplätze? Im Gegensatz dazu machen wir beim aktuellen Schulentwicklungsplan eine mittel- bis langfristige Perspektive auf: Wo will Bielefeld eigentlich bildungsstrategisch hin? Welche bildungspolitischen Akzente möchte man setzen und was sind geeignete Maßnahmen? Der aktuelle Schulentwicklungsplan setzt hier an und nimmt einmal in klassischer Weise die Schüler:innenzahlen für die Planung der Schulkapazitäten bis zum Jahr 2030 in den Blick. Dazu haben wir uns auch die Bielefelder Schullandschaft u.a. nach Schulformen, Schularten, Orte des gemeinsamen Lernens, die Schulstandorte und Schulgrößen angeschaut.
 
Lutz C. Popp: Der aktuelle Schulentwicklungsplan enthält aber noch sehr viel mehr: So haben wir den Schulraumbestand unter Beteiligung der städtischen Schulen überprüft, kategorisiert und in einer Datenbank zusammengeführt. Wir haben ein neues (Muster-)Raumprogramm für die städtischen allgemeinbildenden Schulen erarbeitet, das auf die Bedarfe inklusiver Ganztagsschulen ausgerichtet ist. Und wir haben kleinräumige bzw. schulformbezogene Prognosen in verschiedenen Varianten durchgeführt, z.B. durch die Berücksichtigung des Schulwahlverhaltens, und die Zusammensetzung 
der Schüler:innenschaft. Auch die Durchlässigkeit des Bielefelder Schulsystems wurde von uns analysiert. Und mit der Entwicklung eines schulscharfen Sozialindex für alle allgemeinbildenden Schulen haben wir zudem ein granulares, fortschreibungsfähiges Steuerungsinstrument geschaffen, um z.B. Segregationstendenzen bzw. sozialen Belastungen an Schulen passgenauer entgegenwirken zu können.
 
Darüber hinaus haben wir auch einen genaueren Blick auf die Qualität von schulischer Bildung gelegt und die Schulentwicklungsplanung aus pädagogisch-strategischer Perspektive betrachtet. Damit wollten wir vor allem Fragen nachgehen, wie wir im schulischen Bereich Chancengleichheit herstellen können und welche Gestaltungsmöglichkeiten es gibt, um diesen Anspruch zu fördern. 

Die Politik hat eingefordert, dass die SEP nicht ausschließlich quantitative Prognosen abbilden soll. Auch zu qualitativen Aspekten, wie pädagogischen Fragen und Herausforderungen, sollen Empfehlungen erarbeitet werden.
Dr. Anna Klein, Team Ganzheitliche Schulentwicklungsplanung im Amt für Schule der Stadt Bielefeld
Wie wurde die Qualität von schulischer Bildung in den Blick genommen?
 
Anna Klein: Wir haben uns im Schulentwicklungsplan unterschiedliche Themenfelder wie Qualität im Ganztag, Umgang mit Heterogenität, Inklusion, individuelle Förderung und Vermeidung von Segregation angeschaut. Dazu haben wir strategische Ziele entwickelt und Maßnahmen empfohlen. Wir konnten dafür nicht nur das Wissen zur empirischen Situation in Bielefeld heranziehen, sondern auch die aktuellen Erkenntnisse der bildungswissenschaftlichen Fachcommunity einfließen lassen. Außerdem haben wir in einem Beteiligungsprozess die Einschätzungen und das Wissen der Bielefelder Bildungsakteur:innen einbezogen. Während der Erstellung des Schulentwicklungsplans wurden wir zudem von einer Expert:innen-Gruppe beraten, die sich aus Wissenschaftler:innen der Bildungswissenschaft und Expert:innen für Schulbau, Schularchitektur und kommunaler Schulentwicklungsplanung zusammensetzte.
 
Im Schulentwicklungsplan formulieren Sie auch Handlungsempfehlungen. Was ist der Hintergrund dieser Empfehlungen? 
 
Lutz C. Popp: Uns war es wichtig, dass der Schulentwicklungsplan aufzeigt, wie wir mit den Entwicklungen im Bielefelder Bildungssystem umgehen können. Denn wir 
sehen in Bielefeld – wie auch in vielen anderen Großstädten – zwei große Herausforderungen: Der Umgang mit schulischer Heterogenität und zunehmende Segregationsprozesse. So wird beispielsweise ein Viertel der Kinder von ihren Eltern nicht auf der nächstgelegenen Grundschule angemeldet, sondern an Schulen, von denen sich die Eltern bessere Bildungschancen versprechen. Insgesamt sehen wir im Schulentwicklungsplan, dass die Bielefelder Stadtgesellschaft eine hohe Heterogenität aufweist und zahlreiche bildungsrelevante soziale Belastungen an einigen Schulstandorten zusammenwirken: enge Wohnverhältnisse, hohe Hartz-IV-Quoten, hohe Migranten:innen-Anteile, große Familien etc.
 
Anna Klein: Die Ableitung der Handlungsempfehlungen basiert letztlich auf der empirischen Situation in Bielefeld, den Empfehlungen der Expert:innen-Gruppe, den Rückmeldungen aus den Beteiligungsformaten von Bielefelder Bildungsakteur:innen sowie den rechtlichen Rahmenbedingungen. Aus diesem Wissen ergeben sich die von uns formulierten Handlungsempfehlungen, die sich sowohl auf die räumliche, personelle als auch auf sächliche Ausstattungen beziehen. 
 
Für die erwähnten Herausforderungen haben wir dann zum Beispiel empfohlen, Anreize für rhythmisierte Ganztagsangebote zu setzen, die multiprofessionelle Kooperation an Schulen zu stärken, Familiengrundschulzentren an Schulen mit besonderen bildungsrelevanten Belastungen zu gründen und ein Förderzentrum für Inklusion in Bielefeld zu etablieren. Neue Schulen sollten generell als inklusive Ganztagsschulen konzipiert werden – unabhängig von der Schulform. Insgesamt müssen wir aufpassen, dass die Notwendigkeit, neue Schulen zu bauen und mehr Klassen bereitzustellen nicht dazu führt, dass qualitative und pädagogische Themen zu sehr aus dem Blick geraten und abgehängt werden. 
 

Wie blicken Sie auf den zweijährigen Prozess zurück?

Anna Klein: Der zweijährige Prozess war sehr sportlich: Wir mussten viele Themen abarbeiten, Zwischenberichte erstellen und Beteiligung ermöglichen. In der Corona Pandemie hatten wir zu wenig Zeit und Möglichkeiten, um integrierte Strukturen zu schaffen und uns gut zu vernetzen. Aber wir haben einen ersten Aufschlag einer fortlaufenden, nicht anlassbezogenen und auf Ganzheitlichkeit ausgerichteten Schulentwicklungsplanung hinbekommen. Dass wir uns hierbei rein auf eine strategische mittel- bis langfristige Planung konzentrieren konnten, war dafür sehr hilfreich.

Lutz C. Popp: Künftig streben wir im Sinne der Ganzheitlichkeit stärker eine integrierte Planung mit Blick auf Kinder- und Jugendhilfe, Sozialplanung, Verkehrsplanung, Gesundheitsplanung, Umweltplanung etc. an. Und mit dem Ziel genauer, schneller und digitaler zu werden, soll zudem zukünftig die bis dato sehr arbeitsaufwendige Schüler:innenzahlenprognostik durch eine neue Datenbanksoftware und ein verändertes Datenmodell weiter rofessionalisiert werden. Dadurch erhoffen wir uns perspektivisch mehr freie Ressourcen, die wir dann für andere Aspekte der Schulentwicklungsplanung nutzen können – zum Beispiel zur intensiveren Bearbeitung qualitativpädagogischer Themen oder der Weiterentwicklung integrierter Strukturen.
Die Zusammenarbeit und Expertise der Spezialist:innen war für den Prozess sehr wertvoll. Wir wollten jedes Themenfeld, das wir uns im Schulentwicklungsplan anschauen, mit einer fachlichen Kompetenz besetzen. Und das ist uns auch sehr gut gelungen.
 
Lutz C. Popp, Team Ganzheitliche Schulentwicklungsplanung im Amt für Schule der Stadt Bielefeld
Dieser Text ist Teil des Themendossiers "Kommunale Schulentwicklungsplanung: Herausforderungen und Gestaltungsmöglichkeiten in Zeiten wachsender Großstädte", das im September 2022 veröffentlicht wurde. 
 
 
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