„Integration muss Teil eines Gesamtprozesses einer Stadtentwicklung sein."

Dieter Assel, Geschäftsführer des Kommunalen Kompetenzzentrums für Bildungsinnovation Weiterstadt, im Interview

Dieter Assel, Sozialpädagoge und ehemaliger Fachbereichsleiter Kinder, Jugend, Bildung der Stadt Weiterstadt, ist Geschäftsführer des Kommunalen Kompetenzzentrums für Bildungsinnovation in Weiterstadt. Er nahm bei der ersten regionalen Fachveranstaltung für die Koordinatorinnen und Koordinatoren der Angebote für Neuzugewanderte die Rolle eines Critical Friends ein. Im Interview spricht er über die Chancen und Herausforderungen, die auf die Koordinatorinnen und Koordinatoren zukommen.

Welche Themen beschäftigen die Koordinatorinnen und Koordinatoren für Neuzugewanderte aktuell am meisten? Welche Bedürfnisse haben Sie herauslesen können?

Viele Kolleginnen und Kollegen suchen nach der Verortung im System: Wer und wo ist mein Ansprechpartner? Was soll ich eigentlich koordinieren? Mit wem soll ich Kontakt aufnehmen? Das ist logisch, denn die Koordinatorinnen und Koordinatoren sind erst kurz im Amt. Dazu kommt, dass häufig noch keine klare Auftragslage da ist.
Außerdem beschäftigten sie Begrifflichkeiten, die in den Förderrichtlinien vorkommen: Wer ist Entscheidungsträger? Wen soll ich eigentlich beraten? Was macht Beratung aus? Das sind grundsätzliche Fragen, die der Intention des Programms geschuldet sind. Nämlich, dass die Koordinatorinnen und Koordinatoren auf ein System von Verwaltung treffen, das sie erstmal begreifen und erkennen müssen. Solche Veranstaltungen helfen, diese Fragen zu klären. Und sich mit anderen auszutauschen, stärkt ebenfalls.

Was würden Sie den Koordinatorinnen und Koordinatoren raten, wie sie mit den Herausforderungen umgehen?

Sich Zeit zu nehmen! Auch wenn das vor dem Hintergrund der zweijährigen Laufzeit natürlich leicht gesagt ist. Außerdem rate ich herauszufinden, wo Zugänge sind, und das eigene Profil zu schärfen. Das bedeutet, die Koordinierungsaufgaben zu identifizieren und Beratungsnotwendigkeiten in der Kommunikation innerhalb der Verwaltung, um überhaupt Anknüpfungspunkte für die Arbeit zu finden.
Außerdem hilft es, Schwerpunkte zu setzen. Denn bei der Vielfalt der Möglichkeiten kann man sich auch schnell verlieren. Wichtig ist auch, sich bei den Entscheidungsträgern Rückkopplung zu holen. Das ist die zentrale Aufgabe in dieser Phase.

Die Koordinatorinnen und Koordinatoren arbeiten in einem breiten Aufgabenfeld. Welche Erfahrungswerte aus Ihrer eigenen Arbeit können Sie teilen, um nicht die Übersicht zu verlieren?

In der Verwaltung gibt es bestimmte Regeln, die man beachten muss. In bestimmten Strukturen kommt man nicht einfach so zum Bürgermeister oder zur Landrätin durch. Doch der Entscheidungsträger muss nicht immer der Bürgermeister sein.  Auch die nächste Ebene, mit der man kooperiert kann ein Entscheidungsträger sein. Alle, die einen weiterbringen mit dem eigenen Anliegen, können im Prinzip Entscheidungsträger sein.
Man muss jedoch lernen, bestimmte Hierarchiewege einzuhalten. Wenn man am Anfang an dieser Stelle Fehler macht, kann man sehr schnell isoliert werden. Es ist ein Tanz auf der Rasierklinge zwischen strategischer Einordnung in die Verwaltung und innovativer Impulsgebung. In diesem Spannungsfeld muss ausgelotet werden, wie weit man gehen kann.

Wie schätzen Sie die Arbeit ein, die Koordinatorinnen und Koordinatoren leisten müssen?

Es ist hilfreich und gut, dass die Kommunen im Zuge der Migrationsdebatte aufgefordert sind und bei der Lösung der Integrationsaufgaben gestärkt werden. Die Koordinatorinnen und Koordinatoren haben eine wichtige Rolle, da sie als Schnittstelle innerhalb der Verwaltung dienen können.
In den Kommunen muss Integration als Querschnittsthema der Stadtentwicklung begriffen werden und nicht als Einzelmaßnahme, die man mal kurz erledigen muss. Integration muss ein wesentlicher Bestandteil eines kommunalen Gesamtkonzepts sein. Die Koordinatorinnen und Koordinatoren können auf der einen Seite die strategische Ebene beraten und auf der anderen Seite koordinieren sie auf operativer Ebene. So können sie ihre Wirkung entfalten.
Die Perspektive muss sein, die Arbeit nach Ablauf der zwei Jahre zu verstetigen. Bund und/oder die Kommunen sollten solche Stellen weiterhin finanzieren.

Was sind Ihrer Meinung nach Bedingungen, damit Integration von Neuzugewanderten gelingt?

Auf der kulturellen Ebene muss der wunderbare Begriff der Willkommenskultur mit Inhalt gefüllt werden. Eine zweite Gelingensbedingung ist, dass chancengerechte Zugänge geschaffen werden – zum Arbeitsmarkt und zu Bildungsangeboten. An dieser Stelle können die Koordinatorinnen und Koordinatoren viel Hilfe leisten. Wenn uns das gelingt, wird das auch diejenigen zum Schweigen bringen, die Migration nutzen wollen, um Stimmung zu machen.
Außerdem braucht es eine Verwaltung, die dieses Thema als prozessuale Aufgabe begreift und nicht als Projekt, das einmalig abgewickelt werden muss. Es geht idealtypischerweise nicht nur um Migrantinnen und Migranten oder Neuzugewanderte, sondern es geht um die grundsätzliche Verbesserung der Lebensbedingungen für alle Bürgerinnen und Bürger in der Kommune. Es darf keine Trennung oder Sondermodelle geben. Integration muss Teil eines Gesamtprozesses einer Stadtentwicklung sein, die Chancengerechtigkeit und Vielfalt als Leitorientierung hat. Darauf müssen wir die Systeme einstellen: von Kindergarten über die Verwaltung bis zu den Schulen und zum Arbeitsmarkt. Wir müssen offen dafür sein und das als Chance begreifen. So können die Positionen, die die Koordinatorinnen und Koordinatoren innehaben, ihre Wirkung entfalten.

 

Das Interview ist im Rahmen der ersten Fachveranstaltung für die Koordinatorinnen und Koordinatoren der Angebote für Neuzugewanderte in Köln entstanden.

Hier geht es zurück zur Dokumenation.