„Die Idee sollte nicht an Ressortgrenzen scheitern“

Schulgebäude mit Spielplatz und Kindern davor
Wie die Stuttgarter Stadtverwaltung schnell und abteilungsübergreifend neue Lernorte für Geflüchtete entwickelt hat
03.09.2020

Als die Schulen schlossen und das Homeschooling begann, rückte die schwierige Situation für die Kinder und Jugendlichen, die in Gemeinschaftsunterkünften leben, verstärkt in den Fokus der Fachöffentlichkeit. Der Wohnraum der Familien ist knapp, die Kinder haben meist keinen eigenen Schreibtisch, kaum Platz und oft durch die beengte Situation auch keine Ruhe, um zu lernen. Häufig fehlt zudem eine Internetverbindung. Mangelnde Sprachkenntnisse und eine große Unsicherheit ob der besonderen Situation verschärften die Lage. In dieser prekären Situation konnte von Bildungsteilhabe kaum die Rede sein. Die Stuttgarter Stadtverwaltung hat schnell reagiert, um das zu ändern. Yvonne Schütz, stellvertrende Leiterin der Abteilung Stuttgarter Bildungspartnerschaft, erzählt im Interview wie.

Frau Schütz, die Abteilung Stuttgarter Bildungspartnerschaft hat ein Projekt initiiert, um geflüchteten Menschen in Gemeinschaftsunterkünften bessere Lernbedingungen zu ermöglichen. Bitte schildern Sie uns in ein paar Sätzen die Idee und wie sie entstand.

Die Situation, in der sich viele der Kinder und Jugendlichen in den Unterkünften befanden oder auch noch befinden, wurde während der Pandemie schnell zum Thema. Die Fachkräfte vor Ort, eingespannt durch die vielen Schutzmaßnahmen, kamen an ihre Grenzen, zumal durch das Betretungsverbot viele ehrenamtlich Engagierte nicht mehr unterstützen konnten. Die Abteilung Stuttgarter Bildungspartnerschaft ist durch die Kommunale Koordinierung der Bildungsangebote für Neuzugewanderte über die Vorbereitungsklassen sehr gut mit den entsprechenden Einrichtungen vernetzt, sodass sie schnell von dem Problem erfuhr.

In Gesprächen mit den Praktikerinnen und Praktikern vor Ort wurde schnell deutlich, dass es eine personelle Unterstützung braucht, um die Kinder und Jugendlichen zu begleiten und ihnen den Zugang zum Bildungssystem trotz Pandemie zu ermöglichen. Und es brauchte, im wahrsten Sinne des Wortes, den Raum vor Ort. Häufig gibt es multifunktionale Gemeinschaftsräume, die in diesen Zeiten stark frequentiert waren, aber wenig geeignet zum Lernen. Somit war die Idee geboren, einen Raum zu schaffen, der ausschließlich zum Lernen genutzt wird, entsprechend ausgestattet ist und von einer hauptamtlichen Kraft koordiniert wird. Es soll ein Lernort sein, in dem die Kinder und Jugendlichen nach der Schule Hausaufgaben erledigen, konzentriert lernen und am Fernunterricht über Laptops und Internet teilnehmen können. Da es sich um ein regelmäßiges Angebot handelt, strukturiert es außerdem den Tag der Schülerinnen und Schüler.

Wie kann man sich die Koordination der Räume genau vorstellen?

Um in den Lernräumen bedarfsgerechte Angebote für die jeweilige Zielgruppe zu machen, soll eine hauptamtliche Koordination eingesetzt werden, die beim jeweiligen Träger der Sozialbetreuung angestellt ist und Aufgaben übernimmt wie: Lern- und Bildungsbedarfe der Kinder und Jugendlichen erfassen, passende Zeitfenster für die Lernbegleitung ermitteln und einen Belegungsplan erstellen, damit die jugen Menschen zu festgelegten Zeiten eine Lernbegleitung, nach Möglichkeit mit ehrenamtlicher Unterstützung, erhalten. Darüber hinaus ist die Vernetzungsarbeit mit den Akteuren im Sozialraum und der Austausch und Kontakt zum Team des Sozialdienstes, insbesondere dem Integrationsmanagement, wichtig.

Die Bedingungen, die Sie eingangs beschrieben haben, waren vermutlich nicht erst seit der Pandemie bekannt. Was hat sich mit der Krise verändert?

Die Pandemie hat in dieser Situation wie ein Brennglas funktioniert. Durch die Schulschließungen, das Betretungsverbot in den Unterkünften und das Homeschooling, das einen Internetanschluss und das technische Equipment voraussetzt, hat sich die Situation nochmals verschärft. Gleichermaßen öffnete sich ein Zeitfenster, in dem plötzlich Vieles möglich wurde. Eine hohe Aufmerksamkeit in der Politik für das Thema, eine große Bereitschaft von Stiftungen und Unternehmen, sich finanziell einzubringen, und kurze Wege in der Verwaltung ermöglichen die schnelle Umsetzung der ersten beiden Lernräume in Stuttgart. Nach den Sommerferien starten wir mit zwei Standorten, weitere Lernräume sollen zügig folgen, die Mittelakquise läuft.

Als Abteilung Stuttgarter Bildungspartnerschaft sind Sie Dreh- und Angelpunkt des kommunalen Bildungsmanagements in Ihrer Stadt. Wie sind Sie in diesem Projekt vorgegangen und wo stehen Sie derzeit?

Aufgabe der Abteilung Stuttgarter Bildungspartnerschaft ist es, die Bildungsgerechtigkeit in der Stadt zu fördern. Hier übernehmen wir im Zusammenspiel mit den Kolleginnen und Kollegen aus den unterschiedlichen Fachabteilungen Verantwortung und werden gemeinsam als initiierende, moderierende, evaluierende und auch koordinierende Stelle aktiv. Bei der Idee mit den Lernräumen haben wir sehr schnell die Projektidee zum einen auf der operativen Ebene mit den zuständigen Kolleginnen und Kollegen aus den Fachabteilungen des Sozialamtes diskutiert und zum anderen auf Bürgermeisterebene den Schulterschluss gesucht. Die Idee sollte nicht an Ressortgrenzen scheitern. Uns ist wichtig, daraus ein gemeinsames Vorhaben zu entwickeln, das zügig umgesetzt werden kann, den Bedarf der Praxis deckt und anschlussfähig ist.

Häufig liegt bei so einem Vorhaben die Tücke im Detail, das es zu bedenken gilt, und das funktioniert nur im Austausch mit den Expertinnen und Experten aus den jeweiligen Bereichen. Uns ist gelungen, von der ersten Projektskizze, die im Mai entstanden ist, im Juli bereits in drei verschiedenen Ausschüssen des Gemeinderats über das Vorhaben zu berichten. Die Eröffnung der beiden Räume ist für Mitte September und Anfang Oktober geplant. Die Stellenbesetzungen für die beiden halben Stellen zur Koordination der Räume läuft derzeit. Diese schnelle Umsetzung war sicher zum einen der besonderen Situation zu verdanken, aber auch der etablierten Rolle, im Rahmen der Koordination der Bildungsangebote für neuzugewanderte Kinder und Jugendliche, und den Ressourcen, die wir als kommunales Bildungsbüro haben.

Aber auch die Tatsache, dass wir sehr gut vernetzt sind, hat geholfen: So sind wir Kooperationen mit anderen Projekten eingegangen, um beispielsweise eine schnelle Ausstattung zu ermöglichen. Denn die Lieferzeiten für Endgeräte sind momentan sehr lang. Darüber hinaus stellt das Schulverwaltungsamt die Schulmöbel zur Verfügung. Uns war es wichtig, dass auch die Ausstattung der Räume eine gewisse Wertschätzung ausdrückt.

Projekte dieser Art sind meist ein Puzzlestein in einer umfangreichen Strategie. In welche weiteren Projekte oder Ideen ist dieses Vorhaben eingebettet? Und was sind die nächsten Schritte?

Zwei Lernräume sind natürlich ein Tropfen auf den heißen Stein. Schnell wurde klar, dass wir zwar erstmal klein beginnen müssen, um Erfahrungen zu sammeln, aber dass auch zügig an einer Ausweitung des Vorhabens gearbeitet werden muss. Doch nicht alle Standorte der Gemeinschaftsunterkünfte bieten die Möglichkeit, einen expliziten Lernraum einzurichten. Unter dem Motto „Bildung nimmt Fahrt auf“ ist deshalb geplant, in Stuttgart ein Lernmobil zu etablieren, das zu festen Zeiten Gemeinschafts- und Sozialunterkünfte anfährt. Ein Bus soll mit bis zu sechs Arbeitsplätzen ausgestattet sein, so dass darin ein angeleitetes Lernen möglich ist. Auch hier sind hauptamtliche Ressourcen wichtig, die durch ehrenamtliche Bildungspatenschaften unterstützt werden. Das Lernmobil ist ein weiterer Baustein, um die Bildungsteilhabe der Kinder und Jugendlichen, die in prekären Wohnsituationen aufwachsen, zu verbessern. Spontan sind für die Sommerferien auch unterschiedliche Lerncamps für verschiedene Zielgruppen entstanden. Verpasster Unterrichtsstoff soll so nachgeholt und Wissenslücken geschlossen werden – Lernen mit Freizeitangeboten kombiniert werden.

In einem zweiten Interview erzählt Dr. Anja Jungermann, Mitarbeiterin des regionalen Bildungsbüros Dortmund, wie das Team ausgehend von einer Bedarfserhebung in kürzester Zeit zu einer Bildungsstrategie mit vier Handlungsfeldern kam, deren Maßnahmen den Kindern und Jugendlichen der Stadt zu Gute kamen.